Ilma Rakusa: Ein tiefblauer See auf dem Dach der Welt

 
Ein tiefblauer See auf dem Dach der Welt
die alte Frau die ihre Hände ins Wasser hält
jeden Tag von neuem
und Worte murmelt
um rein und versöhnt von dannen zu gehen
Stein Stein Stein
ihr Stock
die Weite
das klare Wasser
das durch die knochigen Finger rinnt
ein Kind ist sie am Ende des Beginns

Und er der Musiker
der Adlerknochenflöte
spielt
spielt bevor der Tod ihn ruft
kniet sich hin
schnitzt eine letzte Flöte
aus dem bleichen Bein
für seine Töchter:
spielt!
der Raum klingt nach
der Berg

Im Kloster zeichnen sie ein Mandala
die Mönche in den roten Röcken
Kreis und Welt und Himmelsfarben
Häufchen Ornamente Schalen noch
dann bläst das Horn
ein Gong
ein zweiter
markerschütternd
oh! und schon
zerstören sie das Mandala
es darf nicht bleiben
groß ist die Unendlichkeit
nicht klein
sie wischen waschen
tilgen alle Spuren
Arme Besen Besen Arme
es ist vollbracht
die Nacht wird leicht

(nach einer ARTE-Sendung über das Hochland von Tibet)

8. Januar 2021