Ilma Rakusa: Der Sohn liest still im Nebenzimmer

 

Der Sohn liest still im Nebenzimmer
ich höre die Minuten rinnen
sie sind schön
wie das Gefühl zu zweit zu sein
für eine Weile
erreichbar scheint die Welt
wir trinken Grüntee
diskutieren
dann vertiefen wir uns wieder
in die Bücher
meines führt mich in den Krieg nach Sarajevo
seines spielt im ruppigen Berlin
anno fünfunddreißig
Liebe Hass und Havarien
die Stunden ziehen dahin
das Smartphone schweigt
bald kommt die Nacht
mit ihren weiten Stränden Enden
die Waffen sind gestreckt

20. Januar 2022