Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(XCVIII)

Die Form gewinnenden Persönlichkeiten Apollinaires, Picassos, Salmons und Max Jacobs sind eine Art Kristallisationszentrum, das schichtenweise weitere und weitere Jugendliche an sich zieht, die die Literatur und die bildenden Künste von Grund auf revolutionieren wollen. Sie alle hüten die Unabhängigkeit sowohl des Einzelnen als auch der ganzen Gruppe, deren literarisches Organ aus chronischem Mangel an Finanzen im Sterben liegt und

im August 1904

seinen letzten Atemzug tut. Es erscheint die neunte und letzte Nummer des Festin d’Esope, ohne Beitrag von Apollinaire. Salmon konstatiert mit melancholischem Humor, es »brauchte zum Sterben genau so viele Monate wie der Mensch, um geboren zu werden.« Apollinaire und seine Gruppe haben nun keine eigene Zeitschrift. Von Juni bis Ende des Jahres bringt er nirgends ein Gedicht unter, und in seiner Arbeit überwiegt die journalistische Tätigkeit, eine erschöpfende, wenig einträgliche literarische Taglöhnerarbeit, der sein scharfer, gedankenreicher Geist immerhin funkelnde Leichtigkeit zu verleihen versteht.

Apollinaire teilt seine Zeit zwischen Journalismus, Bibliotheken und endlosen Diskussionen mit den Freunden. Sie treffen sich jetzt hauptsächlich im Restaurant Azon, rue des Trois-frères, oft ohne einen Sou. Der Kreis vergrößert sich, das Hauptquartier wird in den Lapin agile verlegt, wo »Père Frédé« für die Bohème des Bateau-lavoir (Waschboot), oft auch nach Rimbauds Gedicht »Bateau ivre« (besoffenes Boot) genannt, Verständnis hat.

Florent Fels verlegt einigermaßen belletristisch die Entstehung des Kubismus ins Azon:

Der Kubismus wurde aus dem Rauch der Pfeifen und den Dünsten des Absinthes geboren, die bei Azon und Vernin, einem Restaurateur in der rue Cavalotti, geraucht und getrunken wurden, wo die Dialektiker der Gruppe allabendlich zusammenkamen: Max Jacob, Apollinaire, Salmon, die Maler Picasso, Derain, Braque, Van Dongen, Vlaminck, der Mathematiker Princet… und Damen.

Die geschilderte Situation bezieht sich zwar auf eine spätere Zeit, aber die Atmosphäre ist die gleiche wie im Jahre 1904, das eigentlich der Vorgeschichte des Kubismus angehört. Seine Begründer waren damals »arm, aber voll Begeisterung und Jugend.«
(M. Vlaminck)

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966