Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(XCV)
Juni 1904.
In Paris ist Apollinaire in den Bars um den Bahnhof Saint-Lazare zu Hause. Dort lernt er eine kongeniale Bruderseele kennen, mit der Mollet schon seit ungefähr einem Jahr häufig zusammenkommt. Er bringt den Freund in die Bar Critérion, wo Apollinaire in Gesellschaft eines Engländers und zweier Negerinnen sitzt. André Billy schildert die Begegnung:
In irgendeiner Bar beim Bahnhof Saint-Lazare saß eines Tages an seinem Tisch ein junger spanischer Maler mit ebenholzschwarzem Haar und feurigen Augen. Sein exotischer Akzent und seine nachlässige Haltung waren ganz dazu angetan, anziehend zu wirken, Was würden wir heute darum geben, wenn wir hätten dabei sein können, als der Dichter zum Maler sagte:
»Ich bin Guillaume Apollinaire«
und der Maler antwortete:
»Ich bin Pablo Picasso.«
Ohne dieses Zusammentreffen wären heute die moderne Kunst und die moderne Dichtung nicht das, was sie sind…
So entsteht die Freundschaft mit Picasso, der den neuen Freund mit seinem besten Kameraden Max Jacob bekannt machen will. Er bringt also Jacob ins Critérion und stellt die beiden einander vor.
Ohne eine verdammende Rede über Nero zu unterbrechen, ohne mich auch nur anzusehen, reichte er mir zerstreut, seine kurze, starke Hand, die an die Tatze eines Tigers gemahnte. Nach beendeter Debatte erhob er sich, brach in ein unbändiges Gelächter aus und schleppte uns hinaus in die Nacht. Damals begannen die schönsten Tage meines Lebens.
Das historische Zusammentreffen der drei Künstler bringt wirklich die »schönsten Tage ihres Lebens« mit sich. Sie ziehen in Bistros umher, am Abend trennen sie sich am Bahnhof Saint-Lazare, der letzte Nachtzug entführt Apollinaire nach Vésinet. So dringt Apollinaire in die Monmartresche Gesellschaft und den Künstlerkreis der rue Ravignan vor, als Gleicher unter Gleichen. Die drei Magier der neuen Ästhetik haben sich getroffen, die dem Strom der modernen Dichtung und bildenden Kunst ein breites Bett erschließen sollen.
Apollinaire hat eine Umwelt gefunden, die ihn formt und die auch er formt, der Mann mit dem explosiven Temperament, dem dichterischen Inventionsgeist und Bahnbrechermut, der Kampflust und der angeborenen Intelligenz, mit dem immensen Wissen, der Mann, der kühn wagt, alte ästhetische Konventionen niederzureißen. Er wird nach Carcovskys Ausdruck »ami des peintres« – Freund der Maler – für sein ganzes Leben. Und nicht nur ein Freund, sondern auch einer der ersten Theoretiker der modernen bildenden Künste überhaupt und ein kulturhistorischer Forscher auf dem Gebiete der Universalinteressen und vereinzelter Erudition.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









