Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(LXXXVI)
Apollinaire widmet ihr den Großteil seiner Arbeitskraft und bereitet zusammen mit den andern die erste Nummer vor, die
im November 1903
erscheint. Der Redakteur hat darin einen einzigen Beitrag, »Qu’vlo-v?« (Was ist das?)
Auf dem Umschlag steht eine Mitteilung der Redaktion für die Leser:
»Le Festin d’Esope beabsichtigt literarische Arbeiten aller Art, Fiktion wie auch Ideengut zu veröffentlichen. Da es nicht das Organ einer bestimmten Schule ist, wird es darauf bedacht sein, sich durch die Gerechtigkeit seiner Kritik und die Qualität der Beiträge seinen Untertitel ›Revue des Belles Lettres‹ zu verdienen.« – Es folgen die Unterschriften Guillaume Apollinaire, Felix Bonaventure, A.C. Casalys, Nikolas Deniker, Daniel Escoffier, Henry Gisan, Arne Hammer, Henri Lucca, Toussaint Luca, Jean Mollet, André Salmon, Jean Sève, Robert Zanelli.
Trotz der Liebelei mit Yvonne hat Apollinaire seine Liebe zu Annie Playden noch nicht überwunden. Eruptiv bahnt sie sich von neuem einen Weg an die Oberfläche. Der »Mäzen des Festin« lädt ihn nach London ein. Er ergreift die Gelegenheit.
Er kannte Spirobeg, recte Faik beg Konitza, bis dahin nicht persönlich. Erst die Reise nach London ermöglicht eine persönliche Bekanntschaft. Apollinaire schreibt darüber in den Anecdotiques:
Im Jahre 1903 in London lernte ich Faik beg Konitza kennen. Er wohnte in Oakley Crescent, City Road, E.C., hatte mich für einige Tage zu sich eingeladen und sollte mich vom Bahnhof abholen.
Da sie sich nicht persönlich kannten, war vereinbart, daß Spirobeg eine Orchidee im Knopfloch tragen sollte. Apollinaires Zug kommt mit bedeutender Verspätung an. Als er auf dem Victoria-Bahnhof aussteigt, sieht er, daß alle dort wartenden Männer eine Orchidee im Knopfloch tragen.
Wie also meinen Albanier erkennen? Ich nahm eine Droschke und langte bei ihm an, gerade als er das Haus verließ, um die Orchidee zu kaufen.
Apollinaire wohnt bei seinem albanischen Freund, aber das Hauptziel seiner Reise nach London ist die Wiederanknüpfung seiner Beziehungen zu dem hoffnungslos geliebten Mädchen, das nicht begreift, wie kompliziert und mit seelischem Sprengstoff geladen die Liebe eines Dichters ist. Seine in dieser Zeit errungenen Erfolge werden weder von ihr noch von ihrer Familie als Garantie einer Existenz für die Zukunft betrachtet. Annie Playden erinnert sich im September 1963:
Auch als er nach London kam, benahm er sich extravagant. Einmal kaufte er mir einen Hut und eine Federboa – er bestand darauf. Meine Mutter regte sich auf. Sie erlaubte mir einmal, mit ihm dinieren zu gehen, aber nur unter der Bedingung, daß ich um neun Uhr zu Hause sei. Er besuchte mit mir einen Freund, einen albanischen Schriftsteller. Dessen Frau, eigentlich ein Mädchen, mit dem er lebte, erwartete ein Kind. Sie waren nicht getraut, und sie weinte deswegen. Sie erzählte mir, eine Frau stehe beständig an der Ecke der Straße ihrer Wohnung gegenüber und schaue ihnen ununterbrochen in die Fenster; sie fürchtete, ihr ›Mann‹ könnte sie eines Tages mit der Fremden verlassen. Ich war da in eine höchst merkwürdige Gesellschaft geraten – ich, die Tochter eines Mannes von so strengen Sitten, daß er sich selbst ›Erzbischof‹ nannte!
Nach dem Essen begann sie im Wohnzimmer Betten zu machen. Sie waren sichtlich für uns gedacht, für Kostro und mich, und alle schienen zu erwarten, daß ich über Nacht mit ihm dort bleibe. Ich sagte: »So etwas kann ich nicht tun, ich muß nach Hause, meine Mutter erwartet mich.« Kostro begleitete mich, es war etwas später als neun, und meine Mutter war sehr böse.
Diesem Abend war natürlich ein Besuch des Dichters bei der Familie Playden vorangegangen. Er war nicht mit Sympathie aufgenommen worden, trotzdem hatte man ihm gestattet, mit Annie in London umherzustreifen. Annie zeigt ihm das Parlament und den Hyde Park. Aber es gelingt ihm nicht, ihre Liebe zu gewinnen, obwohl er sich nun dichterischer Erfolge rühmen und ihre Meinung von Honnef korrigieren kann.
Enttäuscht reist er ab, vom Victoria-Bahnhof nach Frankreich, ein verschmähter Liebender und Poet, in dem schon der dichterisch schaffenskräftige Urnebel des Gesanges der unglücklichen Liebe, der »Chanson du mal-aimé« (Gesang des Ungeliebten) braut. Die Rückkehr nach Frankreich bedeutet im wesentlichen bereits die beginnende Resignation des verratenen Gefühls, einzig und allein der »Kreis der fröhlichen Freunde“ und neue schöpferische Pläne sind nun die treibende Kraft seines Lebens.
Nach Apollinaires Rückkehr von England bringt Baron Mallet ein neues Mitglied in den Kreis des Festin d’Esope, den etwas jüngeren André Billy, Mollets Schützling und Mitschüler von der Jesuitenschule in Amiens. Mallet stellt ihn Apollinaire im Souterrain des Cafés du Rocher am Boulevard Saint-Germain vor.
Den Augen des jungen Mannes erscheint der Direktor des Festin d’Esope voll Autorität und von einer fast bischöflichen Würde! Er schreibt selbst über diese erste Begegnung:
Als ich ihn kennenlernte, es war im November 1903, war er eben von England zurückgekehrt… Salmon war dort, auch Nikolas Deniker und Jean Mollet. Man muß es mir glauben, wenn ich sage, ich hatte sofort das Gefühl, mich vor einem Ausnahmemenschen von einer bei einem so jungen Mann seltenen Autorität zu befinden…
Stand an jenem Abend die Frage des Festin d’Esope auf dem Tapet? Es wurde jedenfalls viel darüber gesprochen, an einem Abend bei einem Weinhändler (›chez Jean‹) in der rue de Seine; ich saß zur Linken des katalanischen Bildhauers Manolo, Alfred Jarry gegenüber, den Apollinaire erst kurz vorher auf einer Soiree der Plume kennengelernt hatte.
Le Festin d’Esope kam einige Tage später heraus mit Guillaumes Erzählung »Qu’vlo-v?«. Die Idee und vielleicht auch den Text hatte er von Stavelot mitgebracht. Es reichten sich darin Mittelalter, Romantik, Symbolismus, Folklore die Hand, ein sehr charakteristischer Synkretismus Apollinairescher Inspiration.
Leider mußte ich in die entlegene Kaserne zurück. Von Guillaume und seinen Freunden schied ich mit Wehmut…
Ausführlicher schreibt Billy über diesen Abend in seinem Buch Apollinaire vivant (Apollinaire, wie er war).
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









