Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(LXXVIII)
Am 25. April 1903
knüpft Apollinaire seine ersten Pariser literarischen Freundschaften an. »La Plume« veranstaltet im Caveau du Soleil d’or, Place Saint-Michel, einen Abend, auf dem Apollinaire seine Gedichte »Le Larron« (Der Dieb) und »Schinderhannes« vorträgt.
Karl Boes, der Nachfolger Léon Deschamps, hatte damals die ›Soirées de la Plume‹ wieder aufgenommen, wo Symbolisten und Dekadente vor einem Dichterpublikum ihre Verse vorlasen. Apollinaire kam, um dieses Publikum mit einigen seiner eigenen Verse bekanntzumachen. An ein Klavier gelehnt, rezitierte er. Damals hatte der Dichter noch eine schlanke, fast asketische Gestalt, auf seinem birnenförmigen Kopf kurzgeschorenes Haar, über dem mächtigen Kiefer eines Centurionen einen langen, blonden Schnurrbart, der ihm über die Lippen fiel. Sein bezauberndes Äußere hatte etwas fast Weibliches. Er war noch ängstlich, lächelte höflich zu geistreichen Worten, nickte ehrerbietig bei poetischen Paradoxen…
So schildert Fabureau Apollinaires Eintritt in den Pariser dichterischen Parnaß an einem Abend, an dem durch den Raum die Stimmen und Verse Paul Forts, Stuart Merilles, Fagus’, Maurice Magres und anderer größerer und kleinerer Sterne des absterbenden Symbolismus ertönen.
An jenem Tage knüpft Apollinaire Freundschaften mit Montfort, Jarry und besonders André Salmon an, der sich an dieses historische Ereignis mit folgenden Worten erinnert:
Im Jahre 1903, auf der zweiten Soiree der ›Plume‹, sah ich Apollinaire zum ersten Mal… Apollinaire hatte in der Revue Blanche einige später in Buchform unter dem Titel Hérésiarque et Cie gesammelte Erzählungen veröffentlicht. Fagus könnte gut darüber schreiben, wie Apollinaire nach Paris kam, in das Milieu der Brüder Natanson, Felix Féneons, wo wie im ›Mercure‹ Jarry herrschte. Aber Apollinaire, von Deutschland gekommen, wo er eine bescheidene Hauslehrerstelle bekleidete, hatte noch keine nennenswerte dichterische Tätigkeit entwickelt, außer daß er den Brüdern Leblond, den damaligen Direktoren der Grande France, einige kurze Gedichte eingesandt hatte.
Apollinaire kam also eilends in den Soleil d’or, um die ersten Gedichte des künftigen Gedichtbandes Alcools vorzutragen… Ich sehe ihn vor mir, laut lachend, liebenswürdiger Gesellschafter viertklassiger Symbolisten, die seitdem in alle Winde verstreut sind. Er war schüchtern und ehrerbietig. Gewiß, das dauerte nicht lange. Aber seine Manieren waren immer vollendet.
Er hatte noch nicht die Leibesfülle, die man von 1910 an kannte. Im Jahre 1903 war Guillaume schlank, fast mager… Grauer Anzug, kurzgeschorenes Haar, gerader, aber dichter blonder Schnurrbart.
Er trug den »Larron« (Dieb) und »Schinderhannes« vor.
,Genre‘, äußerte sich ein Gascogner Dichter.
Wir freundeten uns sofort an. Er, Arne Hammer, Björnsons Patenkind, Sekretär der Redaktion des Européen, der als norwegischer Generalkonsul starb, und ich waren unzertrennlich. Bald schloß sich uns Baron Mollet an – später der Dichter Deniker.
André Billy verlegt in diese Zeit auch die Bekanntschaft mit Max Jacob:
Apollinaire, Max Jacob und Salmon schlossen im Souterrain eines Cafés, in dem Verse rezitiert wurden, Freundschaft…
In jenem Herbst 1903 trug er einen Schnurrbart und war schon recht majestätisch. Er strahlte bereits eine Art spöttische Autorität aus und war stets zu Späßen geneigt. Schon damals hatte er im Blick, in der Linie des Mundes einen fast femininen Zauber, dem niemand widerstand…
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









