Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CXXXI)

Einen Monat später,

am 15. Dezember 1907,

finden wir wieder Apollinaires Namen in der Phalange. Diesmal unterzeichnet er nicht einen dichterischen Beitrag, sondern einen Artikel über Matisse, den Jacques Lassaigne als grundlegend klassifiziert.

Seine journalistische Tätigkeit ist für den Dichter auch weiterhin eine wichtige Verdienstquelle. Außer für die Soleil schreibt er für den Européen, und überdies kommen die beiden erotischen Romane Les exploîts d’un jeune Don Juan (Die Heldentaten eines jungen Don Juan) und Onze mille vierges (Elftausend Jungfrauen) heraus. Das Datum läßt sich nach dem Bücherkatalog Clandestin 1906–1907 (Geheimkatalog) feststellen, wo sie als Neuheit inseriert sind. Sie erlebten viele Reeditionen. Das Vorwort zu den Onze mille vierges aus dem Jahre 1951 wird Aragon zugeschrieben.

Im gleichen Jahre beendet Picasso sein »Fräulein von Avignon«. Apollinaire benennt dieses Bild auf »Philosophisches Bordell« um, statt des ursprünglichen und noch heute gültigen Titels, der zu einer Verwechslung mit der südfranzösischen Stadt dieses Namens führen könnte. Picasso hatte das Gemälde nach einer Madrider Gasse käuflicher Liebe betitelt, und der bei allem Spott tief beeindruckte Apollinaire, dem dies bekannt ist, wählt danach seine eigene Benennung für das Bild, das er bewundert und auch von Freunden und Bekannten bewundert sehen will. Darum bringt er den jungen Fauvisten Georges Braque, den deutschen Theoretiker W. Uhde und andere in Picassos Atelier, um ihnen einen Vorgeschmack des Kubismus zu geben, zu dem dieses Gemälde Picassos den Grundstein legt und den Apollinaire später theoretisch begründet, erläutert und verteidigt.

Im Jahre 1907 machte auch der Maler und spätere Theoretiker des Kubismus Jean Metzinger Apollinaires Bekanntschaft, nach seinen eigenen Erinnerungen in der rue Ravignan in Max Jacobs Wohnung, der dort jeden Montag seine Freunde empfing.

Ich war schnell eingenommen von seiner lachenden Sicherheit… Unsere Beziehungen gestalteten sich sehr bald freundschaftlich.

Metzinger charakterisiert den Dichter als intelligenten, peniblen Menschen, der nie die Krawatte vergaß, denn er wollte wie ein »Künstler« aussehen, der seine Inspiration jedoch nicht in exotischen Bars oder gewissen geschlossenen Häusern sucht. Er spricht von seiner hinreißenden Konversation, die auf hunderterlei Weise poetische Bilder hervorzuzaubern verstehe.

Er interessierte sich für meine Bilder, setzte in den Revuen sein ganzes Talent zu ihrer Propagierung ein, was in der Zeit, als er zu schreiben begann, Mut erforderte. Ich hatte die Absicht, sein Porträt zu malen. Ein gemeinsamer Freund fand, er müsse bei den Sitzungen mit Rosen bekränzt und in Purpur gekleidet sein. Mir war es recht wegen des Farbenspiels, aber Apollinaire protestierte, er wolle nicht wie ein Jahrmarktkönig aussehen. Ich mußte mich mit seinem nüchternen grauen Anzug begnügen.

Die Freunde zogen von einem der kleinen Restaurants des Montmartre zum andern, und die neue Freundschaft des Dichters mit dem Maler vertiefte sich, ebenso wie das Verhältnis zu Picasso und den anderen bildenden Künstlern und jungen Schriftstellern, die sich in immer größerer Zahl an die Gruppe anschlossen, deren Kristallisationskern die beiden unzertrennlichen Nichtfranzosen Apollinaire und Picasso waren.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966