Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CXXIV)
Am 31. August 1907
meldet sich wieder der Dichter Apollinaire. In der Revue Le Soleil (Die Sonne) erscheint sein poetisches, von seinem Aufenthalt in München inspiriertes Prosawerk »L’Obituaire« (Die Leichenhalle). Der Redakteur dieser Zeitschrift ist Ernest Dupuy, der Vater René Dupuy-Dalize’. Wahrscheinlich hat René die Verbindung mit der Revue seines Vaters vermittelt, die die erste, in Prosa verfaßte Version dieser Phantasie sprühenden Erzählung druckt. Der Autor ist sich ihrer poetischen Qualität voll bewußt, er arbeitet sie darum später in ihre definitive Gedichtform um, die er unter dem Titel »La Maison des morts« (Das Haus der Toten) in Alcools einreiht.
Wie fast alle Freunde bezeugen, kommt Apollinaire täglich mit Marie Laurencin zusammen, besucht ihre unermüdlich häkelnde Mutter in der Wohnung, in der Marie ein Zimmer als Atelier benützt. Ihre Arbeitsweise schildert Apollinaire vier Jahre später in seinem ersten Beitrag zu den »Anecdotiques« im Mercure de France. Er stellt sie auf das gleiche Niveau wie die großen Maler, was seinem tiefen und unverbrauchten Gefühl das Natürliche ist.
Marie Laurencin malt ohne Pause stundenlang bei geschlossenen Fenstern. Ihr Atelier darf nur ihre Katze Poussiquette betreten, bei der Arbeit singt sie vor sich hin…
Während des Sommers und Herbstes vertieft sich seine Beziehung zu Marie. Apollinaire schreibt noch nach Jahren an Madeleine Pagès, er habe im Jahre 1907 »ein ästhetisches Gelüste« für ein junges Mädchen gehabt, das Malerin war…
Sie liebte mich oder glaubte mich zu lieben; und ich bemühte mich zumindest um Liebe zu ihr, denn damals liebte ich sie noch nicht. Wir waren beide noch unbekannt, und ich hatte eben meine ästhetischen Betrachtungen und Schriften begonnen, die in Europa und auch außerhalb Einfluß gewinnen sollten. Ich glaube, ich kann wohl sagen, daß ich tat, was ich konnte, um meine Bewunderung der ganzen Welt mitzuteilen…
Er schreibt weiter, Marie Laurencin hätte gewollt, daß er sie heirate, was Apollinaire vorläufig noch nicht beabsichtigte. Ihre Beziehungen dauerten bis 1913, wo in Marie die Liebe zu Guillaume bereits erstorben war.
Es war zu Ende, aber so viel gemeinsam durchlebte Zeit, so viele gemeinsame Erinnerungen, daß mir ängstlich zumute wurde, als alles vorbei war; ich litt bis zum Beginn des Krieges…
Der ewig Liebende erinnert sich auch, daß dieses starke Gefühl – das laut André Billy nicht ohne Stürme war (sehr wahrscheinlich bei der Kompliziertheit und Dynamik der Veranlagung sowohl des Dichters als auch der Kreolin) – ihn zu dem „Pont Mirabeau« und zu der »Zone« inspirierte.
Er liebte sie sehr, bereicherte ihre bildnerische Sensibilität um Phantasie und Poesie, von denen er überfloß, und doch machte er sie nicht glücklich.
Das allerdings hatte Apollinaire in seinem heftigen Aufflammen nicht im Sinn. »Mon sucre« – wie er sie vertraulich nannte – war gewiß eine mächtige Inspirationsquelle, als die Wellen der Liebe über dem Dichter zusammenschlugen und als er zum Kämpfer, Verteidiger und Propagator der Bilder der jungen Malerin wurde.
Im Herbst intensiviert sich seine Zusammenarbeit mit der von M. Landau redigierten Zeitschrift Je dis tout.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









