Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CXXI)
Am 15. April 1907
übersiedelt er mit Einwilligung der Mutter nach Paris, 9, rue Leonie, heute rue Renner. Madame de Kostrowitzki richtet ihm ein Speisezimmer in altbretonischem Stil ein, schenkt ihm einen Teppich und einige weitere Möbelstücke, die zur Zielscheibe von Max Jacobs scharfem Witz werden. Das aber erträgt Apollinaire schwer, er verteidigt stets den Geschmack seiner Mutter, die selbst bisher keine Beziehung zu seiner künstlerischen Arbeit gefunden hat.
Es ist eine kleine Wohnung im zweiten Stock. Außer einem kleinen Speisezimmer, stolz «Salon“ genannt, ist noch ein kleines Schlafzimmer vorhanden, in dem ein Messingbett steht. Im Gedächtnis von Apollinaires Freunden blieb dieses Bett einmütig haften, denn keiner der Besucher durfte es berühren, geschweige einen Mantel, ja nicht einmal seinen Hut darauf legen. Jeden Mittwoch versammeln sich bei Apollinaire zahlreiche Besucher aus der Gruppe der rue Ravignan.
Apollinaire, der außerhalb seiner ersten selbständigen Wohnung ein fast übermütiger Bohème ist, herrscht in seiner neuen Privatwelt recht bürgerlich. Da er nie viel Geld hatte, bewirtet er seine Freunde damit, was er am Sonntag von Vésinet mitgebracht oder selbst zubereitet hat. So wird zum Beispiel Tee als Kostbarkeit serviert, und viele seiner Freunde necken Apollinaire schadenfroh wegen seiner unbegreiflichen Sparsamkeit. Besonders Cremnitz entdeckt oft mit einer bewundernswerten Spürnase verborgene bescheidene Eßvorräte, und der Gastgeber regt sich auf, wenn sie verzehrt werden.
Mit der Zeit sammeln sich in dieser Wohnung um Apollinaire künftige berühmte Persönlichkeiten der Literatur und der bildenden Kunst, auch verschiedene ungewöhnliche Typen, für die der Dichter eine besondere Schwäche hat.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









