Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CXCIX)
Am 20. Oktober 1910
erscheinen endlich seine Erzählungen. Das Buch ist Thadée Natanson gewidmet, und die Sammlung dieser «Phantasiedestillate, wie der Autor selbst seine Prosaarbeit in der Dedikation nennt, ist eine Überraschung. Den größten Teil der Erzählungen schrieb er nach der Aussage von Onimus vor dem Jahre 1899, als die beiden Freunde in der monegassischen Internatsschule waren. Die meisten sind in der Revue blanche und anderen Zeitschriften abgedruckt worden, in der Buchausgabe bekommen die Leser erstmalig die Erzählung »L’Infaillibilité« (Unfehlbarkeit), »Simon Mage«, »Matelot d’Amsterdam« (Der Matrose von Amsterdam), die durch Einzelheiten in Picassos Atelier inspirierte »La Serviette des poètes« (Die Briefmappe der Dichter) und »L’Amphion Faux-Messie« (Amphion, der falsche Messias) zu Gesicht. Von dieser letzteren behauptet Fernand Fleuret, sie sei im Jahre 1902 in Prag geschrieben worden, aber diese Datierung ist nicht gerechtfertigt, denn damals kannte Apollinaire Géry Piéret noch nicht, der Modell für die Gestalt des Barons Ormesan gestanden und sie inspiriert hatte. Apollinaire hält viel von diesem Buch. Am 28. September 1915 schreibt er:
Was ich von meinen eigenen Sachen am meisten liebe, ist Hérésiarque et Cie (Ketzer und Co.) (Prosa bei Stock 1909) und Alcools (Poèmes, Mercure de France 1913).
In der Datierung des Hérésiarque irrt er sich um ein Jahr, was bei einem mehrjährigen Abstand und unter den besonderen Umständen, unter denen der Brief geschrieben wurde, begreiflich ist. Seine Mutter kaufte das Buch bald, nachdem es erschienen war, und las es auch. Es war das einzige Buch ihres Sohnes, für das sie Interesse zeigte. Sie fand es »idiotisch«, wie Rouveyre in seinen Erinnerungen berichtet.
Apollinaire präsentiert sich hier als hervorragender Stilist und kühner Erzähler von funkelnder Imagination, Geist und genauer Kenntnis der Umwelt, in die er die Handlung seiner zuweilen eines Poe würdigen phantastischen Geschichten verlegt. André Billy, mit dem er seit 1903 nicht mehr persönlich zusammenkam, schreibt in seiner Kritik im Echo littéraire du boulevard, Apollinaire sei nicht nur ein großes Talent, sondern auch auf vielen Wissensgebieten beschlagen, ein einzigartiger Erzähler von Persönlichkeit und Originalität. Das begreift auch sein Verleger, der Elémir Bourges bittet, Apollinaire bei der Erteilung des Goncourt-Preises zu unterstützen. Bourges verspricht brieflich, sich für ihn einzusetzen. Er schreibt an Stock, niemand könne Apollinaire mehr Erfolg wünschen als er. Er habe von dem Buch und seinen Qualitäten schon mit seinen Freunden gesprochen und werde dafür stimmen. Er selbst liebe die romantische, dichterische, phantasievolle Literatur, aber seine Kollegen wären im Naturalismus befangen und für die dokumentarische realistische Literatur voreingenommen.
Für die Erteilung des Preises kandidiert eine Reihe von Schriftstellern. Die Presse favorisiert schon im voraus Marguerite Audoux, Jean Giradoux, Collette-Willy und einige andere.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









