Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CLXVIII)
Am 13. Juli 1909
ist Apollinaire Trauzeuge André Salmons. Der Dichter will ein so bedeutendes Ereignis im Leben seines Freundes gebührlich feiern und liest beim Hochzeitsmal das «Poème lu au mariage d’André Salmon“ (Gedicht, gelesen auf der Hochzeit André Salmons) vor, eines seiner Versgespräche. Auf Salmons bewundernde Äußerungen antwortet er, er habe es eben erst auf dem Dache des Omnibusses verfaßt, auf dem er mit René Dalize zum Rathaus fuhr, wo die Trauung stattfand. Dasselbe sagt er auch Soupault mit dem Zusatz, Dalize hätte nicht gewagt, den Mund aufzutun, um ihn nicht zu stören.
Der Tag der Hochzeit seines Freundes ist auch für die Entstehung eines weiteren Gedichtes von Bedeutung. Darüber schreibt Salmon selbst in seinen Souvenirs sans fin (Erinnerungen ohne Ende):
Mein Trauzeuge G. Apollinaire betrat zum erstenmal die Kirche Saint-Merry. Er bewunderte sie und war auch empfänglich für die Besonderheiten der alten Stadtviertel. Nachher kehrte er noch einmal allein in die Kirche zurück, besichtigte sie gründlich, irrte dann in den Gassen des Viertels umher, und so entstand »Der Musiker von Saint-Merry«. Es lag in G. Apollinaires Natur, seinem durch einen Hauch von Mysterium und eine noch wirre Inspiration geweckten literarischen Instinkt folgend, zu Orten zurückzukehren, die er nie zuvor gesehen hatte, angezogen von ihrer geheimnisvollen Atmosphäre… Wollte sich Guillaume Apollinaire, der Archivplünderer, der begeisterte Antiquitätensammler, der Meister einer bestimmten Art von Unterhaltungsliteratur und immer Dichter, dem Teufel der Kirche Saint-Merry verschreiben?
Von Salmon weicht Jean Mollets Erinnerung ab.
Die Gassen waren leer, keine Katze, kein Wagen. Wir traten in Häuser ein, um die Interieurs zu besichtigen, stiegen auch in die Stockwerke hinauf, um die Galerien zu bewundern. Als wir in einem der Häuser auf den Treppenabsatz kamen, sahen wir im Hof einen Sänger, umgeben von einem Menschenauflauf, der im Chor den Refrain des Liedes wiederholte. Wir waren überzeugt, daß die ganzen umliegenden Gassen sich in diesem Hofe versammelt hatten…
Nach einiger Zeit las mir Apollinaire ein Gedicht vor, »Der Musiker von Saint-Merry«. Er hatte unseren Spaziergang in Verse gebracht und ein wundervolles Gedicht daraus gemacht, das mich heftig bewegt, wenn ich es heute wieder lese.
»Da siehst du«, sagte er, »wie notwendig es ist hinauszukommen, es ist die einzige Möglichkeit, seine Imagination zu bereichern.«
Der Vergleich dieser beiden Schilderungen gewährt Einblick in die Schaffensweise des Dichters, aus der ein poetisches Ganzes zu kristallklarer dichterischer Schönheit emporwuchs.
In den Frühlingsmonaten befindet sich schon eine Auswahl aus dem Werke des Marquis de Sade, von Apollinaire getroffen und mit einem Vorwort versehen, in Druck. Dieser fast vergessene Schriftsteller war von Apollinaire wieder ans Licht gezogen, neu gewertet und von den jungen Verlegern Robert und George Briffaut veröffentlicht worden. Beabsichtigt war die Herausgabe libertinistischer Autoren in zwei Editionsreihen, La Bibliothèque des Curieux (Bibliothek der Kuriosa) und Les Maîtres de l’amour (Die Meister der Liebe), außerdem das exklusive Coffret du Bibliophile (Schatulle des Bibliophilen). Apollinaire war bereits allgemein als äußerst bewanderter Bibliograph bekannt, der die Bände der großen Zentralbibliotheken eingehend studiert hatte. Das bestätigt auch Fernand Fleuret, der in seinen Memoiren erzählt, wie die beiden stundenlang in der Bibliothèque Nationale zu arbeiten pflegten und sich auf dem Rückweg damit amüsierten, nach dem Muster alter Volkslieder ohne Sinn und Verstand zu improvisieren. Auf diese Weise entstand zwischen der rue Richelieu und Notre-Dame de Lorette, wo Appolinaires Bruder in einer Bank arbeitete, »Le Voyageur« (Der Wanderer). Wegen seiner enormen literarischen Kenntnisse wurde Apollinaire oft von Verlegern mit dem Schreiben von Vorworten und der Auswahl von Texten betraut. Diese Tätigkeit dauerte bis zu seinem Tode. Seine Feinde machten sie ihm oft und bei verschiedenen Gelegenheiten zum Vorwurf. Nach dem später von den Surrealisten hochgepriesenen Sade bereitete er eine zweibändige Auswahl des »göttlichen Aretino« vor, dessen Werk er teilweise schon in seinen Jünglingsjahren gelesen hatte.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









