Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CIII
)

Am 15. Mai 1905

erscheint in der Plume ein weiterer Artikel von ihm: »Les Jeunes: Picasso, peintre« (Die Jungen; Picasso, der Maler), ergänzt durch fünf unbetitelte Reproduktionen, offenbar bei Serrurier ausgestellte Arbeiten. L.C. Breunig identifiziert sie in der unter dem Titel »Chroniques d’art« zusammengefaßten Ausgabe von Apollinaires Schriften über die bildende Kunst. Am gleichen Tage erschien in den Lettres modernes Apollinaires »Histoire dêune famille vertueuse, d’une falle et d’un calcul« (Geschichte von einer tugendhaften Familie, einer Tollen und einer Rechnung).
Apollinaire arbeitet noch immer in der Lepèreschen Bank. Um ihn, Picasso, Max Jacob und André Salmon schart sich eine Gruppe bis dahin unbekannter Namen, die sich bald zu bedeutenden Persönlichkeiten entwickeln: Maurice Utrillo, Amadeo Modigliani, der schöne Mann von Livorno, der bei Picasso wohnt, der beginnende Schriftsteller Francis Carco, Pierre Mac Orlan, der mit Rührung der Abende im Lapin agile bei »Père Frédé« gedenkt, wo Apollinaire seine Verse vorzutragen pflegte:

Salmon sog an seiner Pfeife, und ich hegte, ohne es zu wissen, Hoffnungen für eine Zukunft, die mir gerade damals nicht sehr vielversprechend erschien. Salmon, Apollinaire, Max Jacob gaben mir Selbstvertrauen. Und damals war dieses Wort Goldes wert. Es war bloß eine Gabe, aber eine Dichtergabe…

Es sind aber nicht nur beginnende Dichter. Apollinaire erringt, obwohl er bis dahin nur einige Gedichte und Prosawerke veröffentlicht hat, die Gunst des »Dichterfürsten“ Paul Fort. Er kommt oft mit Elémir Bourges zusammen, dessen Frau die Schwester der tschechischen Malerin Zdenka Braunerová ist. Bourges, der später ebenfalls Prag besucht, hegt für seinen jungen Freund »glühende Bewunderung«.

Apollinaires wachsende und sich immer mehr vertiefende Beziehungen zu der bildenden Kunst führen ihn zu Anfang des Sommers in die rue Laffitte 41, wo der Bilderhändler A. Vollard seit 1893 seine berühmte Galerie und seinen nicht weniger berühmten Keller hat, in den er einige auserlesene Dichter und hervorragende Maler einläd.

Was für eine Gesellschaft traf sich an meinen Abenden im Keller! Cézanne, Renoir, Forain, Degas, Odilon Redon, Leon Dierx, Eugene Lautier – um nur die zu nennen, die schon gestorben sind… Wenn ich mich an die alten Zeiten zurückerinnere, kommen mir besonders zwei junge Schriftsteller in den Sinn, die vorzeitig starben – Alfred Jarry und Guillaume Apollinaire…

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966