Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCXXV)

Am 9. September 1911

schreibt Géry Piéret dem Untersuchungsrichter einen Brief, in dem er erklärt, Apollinaire sei unschuldig, und beteuert, der Dichter habe mit dem Diebstahl nichts zu tun. Obwohl noch in Marseille, datierte er den Brief von Frankfurt und verstärkte dadurch den Verdacht.

Am gleichen Tage findet eine Konfrontation Apollinaires mit Pablo Picasso statt, der zwar des Diebstahls nicht verdächtigt wird, aber auf polizeiliche Anordnung seinen Wohnort nicht verlassen darf und dem Untersuchungsrichter jederzeit zur Verfügung stehen muß. Er sieht den verzweifelten, unrasierten Dichter, ohne Krawatte, die man ihm gemäß den Sicherheitsvorschriften abgenommen hat. Picasso ist durch Apollinaires Aussage über den Diebstahl der ersten Statuetten in die Untersuchung verwickelt worden. Laut Billy leugnete er die ganze Sache. Über Picassos Verhör schreibt Fernande Olivier:

… Einmal läutete es bei Picasso um sieben Uhr morgens. Bevor das Dienstmädchen hinunterkam, öffnete seine Gefährtin die Tür einem Polizisten in Zivil, der seine Legitimation vorwies. Er stellte sich vor und übermittelte Picasso den Befehl, mit ihm zu kommen, er sei für neun Uhr beim Untersuchungsrichter vorgeladen.
Zitternd kleidete sich Picasso an. Er brauchte dabei Hilfe, denn er hatte vor Angst den Kopf verloren. Den verlor er übrigens auch bei geringeren Anlässen.
Der Polizist gab sich inzwischen kindlich liebenswürdig, freundlich, heiter, listig, schmeichelnd, und suchte uns auszuhorchen. Wir aber waren auf der Hut, und er erfuhr nichts. Picasso begab sich mit ihm auf das Kommissariat, ohne zu wissen, was man von ihm wollte. Der Autobus bei der Markthalle Pigalle, wo er einsteigen mußte, blieb für ihn auf lange Zeit hinaus eine widerwärtige Erinnerung. Der Polizist hatte nicht das Recht, auf Kosten seiner Klienten ein Taxi zu nehmen.
Nach langem Warten im Polizeigefängnis wurde Picasso dem Untersuchungsrichter vorgeführt und sah dort den blassen, unrasierten Apollinaire mit offenem Hemd, ohne Krawatte, abgemagert, niedergeschlagen – kurz, eine trostlose Ruine, ein jämmerlicher Anblick.
Schon zehn Tage eingesperrt und wie jeder Verbrecher schlecht verpflegt, gestand er alles, was man von ihm wollte. Der Wahrheit entsprach der geringste Teil seiner Geständnisse. Was hätte er aber nicht alles eingestanden, nur um in Ruhe gelassen zu werden!
Picasso, sehr bewegt und entsetzt, verlor den Kopf. Man kann die Szene nicht so wiedergeben, wie er sie dann mir erzählte. Nicht einmal er brachte es zuwege, etwas anderes zu sagen, als was man von ihm bei der Untersuchung verlangte. Übrigens hatte Guillaume so viele wahre und unwahre Dinge gestanden, daß er seinen Freund vollständig kompromittierte. Wen hätte er in seiner Verwirrung auch nicht kompromittiert!
Beide scheinen in Tränen ausgebrochen zu sein vor dem gutmütigen Richter, der vor diesem kindlichen Schmerz kaum eine ernste Miene bewahren konnte.
Es wurde damals behauptet, Picasso habe seinen Freund verleugnet und getan, als ob er ihn nicht kenne. Diese Behauptung ist völlig falsch. Er verließ Apollinaire nicht, bewies ihm im Gegenteil in diesem Augenblick noch tiefere Freundschaft.

Dieses Gerücht lebt noch immer, wie ein Satz in dem Buch von Florent Fels L’art vivant (Lebende Kunst) bezeugt:

Picasso, nach der Tat und den Gewohnheiten seines Freundes befragt, antwortete dem Untersuchungsrichter, er kenne ihn nicht (I. Teil, S. 229–230).

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966