Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCXXIX)

und der rehabilitierte Dichter schreibt sofort seine Eindrücke aus dem Gefängnis, die er

am 14. September 1911

unter dem Verlaineschen Titel «Mes prisons“ (Meine Gefängniszeit) im Paris-Journal erscheinen läßt, das sich ebenfalls um die Befreiung des Dichters verdient gemacht hat.

Die Louvre-Affaire bedrückt den Dichter lange. Noch 1915 spricht er darüber in einem langen Brief an Madeleine Pagès und erklärt einige Umstände. Nach diesem Briefe hat er versucht, M. X., der zwei 1907 im Louvre gestohlene Statuetten besaß, dazu zu bewegen, sie zurückzugeben. Aber dieser sei in seine ästhetischen Studien vertieft gewesen, aus denen der Kubismus entstand, und hörte nicht auf ihn.

Er schildert dann die Affaire im Jahre 1911, erwähnt die Konfrontation mit dem Freunde, der leugnete, von der Sache etwas zu wissen.

Obwohl mich die meisten Zeitungen leidenschaftlich verteidigten, wurde ich im Anfang von Antisemiten, die sich nicht vorstellen konnten, daß es Polen gäbe, die keine Juden seien, in gemeiner Weise angegriffen. Léon Daudet ging sogar soweit, mir seine Stimme für den Goncourt-Preis zu verweigern. Darüber war der edle Vater Bourges so empört, daß er sofort, an einem Tage, mehreren Zeitungen ein Interview gewährte, er, der sich nie, über welches Thema immer, interviewen lassen wollte…

In diesem Brief klingt noch zuweilen ein Unterton von Trauer, Bitterkeit, beleidigter Ehre und Stolz des verleumdeten Dichters auf.

Wie die meisten seiner Freunde war von der Ungerechtigkeit der Beschuldigung auch Apollinaires Mutter überzeugt. Sie schreibt noch am Tage seiner Freilassung Toussaint Luca und dankt ihm für alles, was er in dieser peinlichen Lage getan habe, für die Mühe, die er aufwandte, um Wilhelm zu besuchen und ihm mit Rat und guten Worten beizustehen.

Ich war gerührt über alles, was Sie über Wilhelm schreiben, Sie beweisen damit großen Edelmut. Ich halte Sie für einen guten Jungen und einen der allerbesten Freunde Wilhelms… Sie wissen ja, daß Wilhelm jetzt wenig auf mich hört, er ist schon ein reifer Mann. Vielleicht werden Sie größeren Einfluß auf ihn haben als ich. Machen Sie ihm nur rechte Vorwürfe wegen der schlechten Gesellschaft…

Es ist nicht bekannt, ob der allerbeste Freund dem Wunsche der Mutter nachkam, aber alle beteiligen sich einmütig an der moralischen und materiellen Stärkung des Dichters, der meinte, sein Name sei ehrlos geworden, alle seine Pläne gescheitert, die Zukunft vollkommen hoffnungslos. Aber sein gesunder Kern siegt und er beginnt wieder eifrig zu schreiben, als er feststellt, daß die Türen der Redaktionen ihm nicht verschlossen sind.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966