Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCXVI)

Am 23. August 1911

findet eine Haussuchung bei ihm statt. Der Dichter hat auf dem Kaminsims eine kleine phönizische Figur stehen, die ihm sein Sekretär, «ein Narr und zugleich ein geistreicher, intelligenter Mensch, den er schon seit 1906 kenne, einmal geschenkt habe. Piéret hat sich schon früher Diebstähle im Louvre zuschulden kommen lassen und auch Picasso, mit dem er durch Apollinaire bekannt wurde, zwei kleine steinerne Masken geschenkt und dazu bemerkt, er solle sie nicht viel herumzeigen. Beide Freunde dachten nicht weiter über die Herkunft dieser »Geschenke« nach. Um so entsetzter ist Apollinaire nach der Haussuchung, denn es fällt ihm plötzlich der eventuelle Zusammenhang seiner wie auch Picassos Geschenke mit dem Diebstahl der Mona Lisa ein und die Schwere des Verdachtes, in den er geraten muß. Er will Picasso von dieser peinlichen, von ihnen beiden unverschuldeten Situation benachrichtigen, in die sie durch ihre fast kindliche Leichtgläubigkeit geraten sind und ihn warnen. Nach einigen Autoren sucht er den Freund auf, nach Fernande Olivier begegnet er ihm zufällig an dem Tage, an dem Picasso von einem mehrmonatigen Aufenthalt in Spanien wieder nach Paris zurückkehrt. Er findet Apollinaire »toll vor Angst und Entsetzen. Er teilte ihm mit, er sei von der Polizei gehetzt oder eher, er fürchte gerichtliche Verfolgung wegen des Diebstahls der Statuetten im Louvre und fügte hinzu, Picasso selbst sei in die Sache verwickelt«, schreibt Fernande Olivier als Augenzeugin in ihren Erinnerungen.

Die beiden Freunde begeben sich in Picassos Atelier, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen – »Ich sehe sie vor mir wie heute«, fährt F. Olivier fort – »bekümmerte, erschreckte Kinder, die an Flucht ins Ausland denken. Mir verdanken sie es, daß sie ihre Narretei nicht zu weit trieben. Sie beschlossen, in Paris zu bleiben und sich der belastenden Gegenstände schnellstens zu entledigen… Nach einem frühen Abendessen und Stunden endlosen Wartens faßten sie den Entschluß, die Plastiken zu verpacken und das Paket in der Nacht in die Seine zu werfen. Gegen Mitternacht trugen sie es fort, zwei Stunden später kehrten sie völlig erschöpft zurück.

Sie waren umhergeirrt, hatten keinen geeigneten Augenblick finden können, nicht gewagt, ihre Last einfach wegzuwerfen. Sie meinten, verfolgt zu werden, ihre Phantasie erfand tausend Möglichkeiten, eine phantastischer als die andere. Übrigens beobachtete ich sie an jenem Abend genau, obwohl ich ebenso entsetzt war wie sie. Ich bin sicher, daß sie sich selbst, vielleicht unbewußt, eine Komödie vorspielten. Obwohl keiner von ihnen die Spielkarten kannte, gaben sie vor, den ganzen Abend lang Karten zu spielen, um so unauffällig ,die Stunde der bösen Tat‘, wo sie sich zur Seine begeben sollten, abzuwarten. Offenbar spielten sie einander eine bestimmte Art von Verbrechern vor.« (Fernande Olivier)

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966