Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCXL)
Am 20. Dezember 1911
veröffentlicht Apollinaire im Parthénon zwei Gedichte aus Alcools, «Crépuscule“ (Dämmerung) und »Salomé« und in der von Florian Parmentier herausgegebenen Anthologie critique des poètes contemporains (Kritische Anthologie der zeitgenössischen Dichter) sechs hauptsächlich von seinem Aufenthalt im Rheinland inspirierte Gedichte.
In das Jahr 1911 fallen auch auf der Plusseite die ersten Beziehungen Apollinaires zu tschechischen Schriftstellern. Er wird zum erstenmal von Emanuel Lešehrad ins Tschechische übersetzt. Der Übersetzer schreibt darüber im Jahre 1948:
In den Jahren 1911 und 1912 übersetzte ich viele Gedichte moderner französischer Schriftsteller, darunter auch die ›Französischen Balladen‹ von Paul Fort. Natürlich schrieb ich ihm und ersuchte ihn, wie üblich, um die Autorisierung zur Übersetzung.
Bald darauf erhielt ich Antwort, aber nicht in der Handschrift des Dichters, sondern von seinem Sekretär. Er schrieb, der Meister autorisiere die Übersetzung, bitte jedoch, ihm nach der Veröffentlichung zwei Nummern der Zeitschrift, in der die Gedichte erschienen, einzusenden. Er erwähnte, daß Paul Fort die jungen französischen Dichter, mit denen er in ständigem Kontakt sei, auf mich aufmerksam mache, sie würden mir ihre Gedichte zur Übersetzung ins Tschechische senden.
Die verheißene Sendung erhielt ich, es waren darin Verse von Guillaume Apollinaire, der bis dahin zwei Gedichtsammlungen herausgegeben hatte: Les Rhenanes (Rheinland) und L’enchanteur pourrisa (Der verfaulende Zauberer).
Soweit ich von französischen Freunden erfuhr, hieß es, Apollinaire sei der Sohn eines polnischen Bischofs und einer sehr schönen Frau. Sein wirklicher Name war Kostrowitzki, und er war Beamter der Bank Societe Generale. Er kleidete sich wie ein Gentleman aus der Londoner City, mit Zylinder und Spazierstock, und wohnte in einem Mietshaus in Saint-Germain.
Er entdeckte den Maler Henri Rousseau, sein Busenfreund war Max Jacob.
So lernte ich später den berühmten Dichter von Alcools und der Kaligramme kennen, der in der französischen Dichtung eine ,surrealistische Bewegung‘ ins Leben gerufen hatte.
Aus der Sendung wählte ich zur Übersetzung zwei Gedichte von Apollinaire: »Salomé« und »Les Colchiques«. Ich bemühte mich auch um ihre Publikation, trug sie zu der Zeitschrift Zlata Praha (Das goldene Prag) und übergab sie dem Redakteur A.B. Dostál, der mir versprach, sie zu veröffentlichen. Ich wartete monatelang, ein halbes Jahr, und als sie noch immer nicht erschienen, besuchte ich A.B. Dostál und erkundigte mich, was aus meinen Beiträgen geworden sei. Der Redakteur sagte, ich müsse Geduld haben, er hätte eine Menge noch älterer Beiträge vorliegen. Als besonderen Trost fügte er hinzu, manche Autoren hätten ihre Manuskripte schon fünf Jahre und länger bei ihm.
Ich möge nur warten, sie würden bestimmt herauskommen. So verging ein weiteres Jahr, dann kam der Weltkrieg. A.B. Dostál wurde zum Militär einberufen, und meine erste Übersetzung Guillaume Apollinaires ins Tschechische geriet in Vergessenheit. Nicht einmal das Manuskript, von dem ich keine Abschrift hatte, ist erhalten geblieben, nur die mir gesandten französischen Originale habe ich noch zum Andenken.
Das war das tragische Ende meiner vorzeitigen Entdeckung eines französischen Dichters, den erst nach Jahren die tschechische literarische Nachkriegsgeneration neu entdeckte.
Lešehrad hatte tatsächlich die Absicht, eine Anzahl von Forts „Französischen Balladen“ zu übersetzen. Sie wurden seit 1897 im Verlag des Mercure de France herausgegeben, im Jahre 1911 hatten sie bereits die stattliche Ziffer von über zehn Bänden erreicht. Eine Auswahl sollte als 35. Band in der tschechischen Edition Symposion erscheinen, nach der Datationsfolge spätestens 1911, aber aus unerforschlichen Gründen erblickte dieser Band nie das Licht der Welt.
Nach dieser Analyse muß der Übersetzer also schon vor dem Jahre 1911 mit Paul Fort korrespondiert haben, was auch mit den Notizen seines Sekretärs Vladimir Holub übereinstimmt, der das Jahr 1908 nennt. Angeblich habe wirklich Apollinaire im Namen Forts geantwortet und das Gedicht »La Chevelure« (Das Haar) beigelegt, das Lešehrad übersetzte und in einer Provinzzeitschrift unterbrachte. Dem Autor dieses Buches ist es bisher nicht gelungen, die Übersetzung zu entdecken. Es könnte möglicherweise ein bisher unbekanntes Gedicht sein, denn der Titel kommt in den definitiven Ausgaben nicht vor. Allerdings ist das wenig wahrscheinlich und eher anzunehmen, daß es sich um ein bekanntes, aber von Apollinaire unter abgeändertem Titel publiziertes Gedicht handelt. Apollinaires Briefwechsel mit Lešehrad kann erst nach dem Jahre 1909 stattgefunden haben, da der Übersetzer davon spricht, daß der Dichter bis zu dieser Zeit zwei Bücher herausgegeben hatte:
Les Rhénanes (Rheinland) und L’enchanteur pourrissant (Der verfaulende Zauberer), der im Jahre 1909 erschien. Die Information über das erste Buch ist unrichtig und wahrscheinlich der Voranzeige einer Zeitschrift entnommen, die ein unter diesem Titel erscheinendes Buch ankündigte.
»Salomé« erschien zum erstenmal in Vers et Prose im Jahre 1905 und wurde 1911 im Parthénon nachgedruckt. »Les Colchiques« (Herbstzeitlosen) erschien am 15. November 1907 in der Phalange und 1911 in der Anthologie Florian Parmentiers.
Es ist anzunehmen, daß Apollinaire Abschriften des Manuskriptes, Ausschnitte oder Korrekturfahnen an Lešehrad sandte. Das läßt sich nicht mehr feststellen, denn die »eingesandten französischen Originale«, die dem Übersetzer »noch zum Andenken« verblieben, sind unauffindbar.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









