Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCVIII)

Als Dichter meldet sich Apollinaire erst wieder

am 15. März 1911,

sogar zweimal. In der 6. Nummer der Schéhérazade erscheint das Gedicht «Stances, das als »Signe« (Zeichen) in Alcools eingereiht wird. Es entstand laut Breunig im Herbst 1904 nach der Trennung von Annie, aber seine Veröffentlichung wird von einem größeren Ereignis in den Schatten gestellt. Am gleichen Tage nämlich ist der Druck des Bestiaire (Tierbuches) beendet. Der Prospekt sagt:

Die maßvollen Gedichte… bilden eines der farbigsten, verführerischsten, vollkommensten dichterischen Werke der neuen lyrischen Generation. Dieses Bändchen sehr modernen Fühlens hat in seiner Inspiration enge Berührungspunkte mit den Werken der Höchstkultur des. Humanismus…

Le Bestiaire ou Cortège d’Orphée (Tierbuch oder Geleit des Orpheus) verdient als eines der schönsten und wertvollsten Bücher unserer Zeit beurteilt zu werden.

Diese Worte waren nicht übertrieben oder unwahr.

Sie gelten heute noch trotz dem in Prospekten üblichen Superlativismus. Das Buch hat sich seinen erstrangigen, grundlegenden Platz unter den modernen mit Originalgraphik illustrierten Büchern erhalten. Auch die typographische Seite übertrifft die Edition Kahnweiler. Aber trotz dieser Werte begreifen es die damaligen Leser und Bücherfreunde nicht. Es ist auf der Handpresse in 120 Exemplaren gedruckt, und nachdem kaum fünfzig abgesetzt sind, verkauft Deplanche den Rest der Auflage nach langem Zögern dem Antiquar Chevrel zu vierzig Franken das Stück.

Die Ursache des geringen Erfolges des Bestiaire im Handel liegt jedoch außerhalb seiner dichterischen und literarischen Qualität oder des unbestreitbaren Wertes der Bildbegleitung. Eine gewisse Verlegenheit ergibt sich schon allein aus der Frage, ob Apollinaires Gedichte, in denen er ein Echo der kompliziert allegorischen Poesie des Mittelalters und der Renaissance mit der Art einiger kurzer Gelegenheitsgedichte Mallarmés verschmolz, die Begleitung für die Holzschnitte bilden oder umgekehrt. Auch ist es für die konservativen Bücherfreunde ein zu neuartiges Buch, dessen »Holzschnitte« – laut Billy – »von einem gewagten Klassizismus waren, wo Phantasie und Sinn für das Dekorative an der Verbreitung des Namens Raoul Dufys partizipierten«.

Im März schreibt Apollinaire die ersten Anecdotiques (Anektotisches). Der Einleitungssatz klingt fast wie ein Programm:

Ich liebe die Menschen nicht um dessen, was sie verbindet, sondern, was sie unterscheidet, und vor allem möchte ich erkennen, was an ihrem Herzen nagt.

Ein Komplex von Betrachtungen, journalistischen Berichten, Klatschgeschichten und Tagesgesprächen bildet ein buntes Mosaik, dessen einzelne Steinchen zur Charakteristik verschiedener größerer und kleinerer Persönlichkeiten beitragen, wie etwa die kurzen, aber interessanten Beschreibungen der Ateliers und Arbeitsmethoden eines Paul Signac, Van Dongen, Picasso, Matisse, Rouveyre, Marquet und natürlich Marie Laurencins. Apollinaire, der Autor, verbirgt sich hinter dem Pseudonym Montade aus grundloser Angst vor einem eventuellen Mißerfolg, aber schon von der dritten Fortsetzung an steht sein Dichtername unter dieser Rubrik, die erst 1918 mit seinem Tode endet.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966