Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCV)

Am 28. Januar 1911

läßt die Ausstellung neuer Aquarelle Paul Signacs seine alte Liebe zur Seine und ihren Brücken wiederaufklingen, und er stellt sich die rhetorische Frage – »Ist denn nicht das Schönste an Paris die Seine mit ihren Brücken?« Es ist, als ob sich in diesem Satz schon der Rhythmus und Reim des künftigen »Pont Mirabeau« (Mirabeau-Brücke) ankündigten.

Apollinaire vereinbart mit Alfred Vallet die Einführung einer neuen, »La vie anecdotique« (Das Leben im Anekdotenstil) betitelten Rubrik, die er selbst schreibt. Seit der Mercure seinen »Chanson du mal-aimé« (Gesang des Ungeliebten) druckte, ist er in der Redaktion keine unbekannte Persönlichkeit mehr. Sein Vorschlag wird angenommen und trägt dem Dichter außer der Möglichkeit regelmäßigen Publizierens auch engeren Kontakt mit dieser Revue und die Bekanntschaft André Rouveyres ein, dem er in der Redaktion des Mercure begegnet. Im Jahre 1920 schreibt der Zeichner und Maler Rouveyre bewegt über dieses Ereignis und die Freundschaft, die sich daraus ergab, unter dem eindrucksvollen Titel »Arm in Arm mit Guillaume Apollinaire«.

Im Januar hält Apollinaire auch einen Vortrag an der Université nouvelle in Brüssel über das Thema »Aretin et le XVIe siècle«, in dem er seine Studien zu der Ausgabe Aretinos in der Bibliothéque des Curieux aus den Jahren 1909–1910 verwertet. Damit sind seine fachlich-biographischen Arbeiten und sein literarhistorisches Wissen auch im Ausland anerkannt.

Aber im Januar 1911 beginnen die Angriffe, Polemiken und Intrigen, gegen die der Dichter häufig scharf anzukämpfen hat. Er muß sich gegen einen spitzfindigen Artikel Lucien Maurys in der Revue bleue wehren, der ihn literarisch zu klassifizieren sucht und im Hérésiarque Analogien mit Erzählungen von E.A. Poe und E.T.A. Hoffmann, in den Gedichten mit Nerval und Baudelaire sieht. Apollinaire protestiert, er kenne Hoffmann und Poe überhaupt nicht, habe von Nerval nichts als Les Chimères gelesen; und Baudelaire sei ihm nur aus Zitaten und Anthologien bekannt.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966