Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CC)

Am 8. Dezember 1910

kommt es zur Abstimmung. Apollinaire gewinnt in der ersten Runde drei Stimmen, die übrigen Kandidaten je zwei. Aber in der dritten Runde fällt er völlig aus, und Bourges stimmt für Louis Pergauts Buch De Goupil à Margot. Apollinaire ist von diesem unerwarteten Meinungswechsel seines Freundes sehr enttäuscht, bleibt aber guten Mutes.

Er lebt weiter für seine Arbeit und seinen Plan einer ersten Gedichtsammlung, wie er Ende November, Anfang Dezember 1910 an Th. Natanson schreibt:

Ich bereite einen Roman und ein Theaterstück vor und ordne meine Verse für ein Buch.

Es ist nicht die ehemalige Konzeption des Vent du Rhin (Rheinwind), sondern eine neugeplante Sammlung, für die er den Titel Eau de vie (Branntwein) wählt, unter dem sie im Jahre 1912 in Druck geht. Erst bei der letzten Korrektur erhält sie den inzwischen berühmt gewordenen Namen Alcools. Hier taucht ein bisher unbekannter Zusammenhang mit Marie Laurencin auf, die gerade 1910 ein „Alcools“ benanntes Bild malte und diesen Titel in die Fläche einkomponierte. Das Gemälde war im Jahre 1930 in der Flechtheimschen Galerie in Berlin ausgestellt und im Katalog unter Nr. 1 angeführt, mit der Bemerkung, es stamme aus dem Besitz Guillaume Apollinaires. War es eine gemeinsame Inspiration oder benutzte der „ungeliebte“ Dichter absichtlich den Titel dieses Bildes, gerade zu der Zeit, als es zwischen den beiden zum definitiven Bruch kam? Man kann keinen bedingungslosen Schluß ziehen, aber die Übereinstimmung des Zeitpunktes, und die Analogie mit der Begegnung Eliška Krásnohorskás während seines Prager Aufenthaltes sprechen für die Hypothese, daß er – wie bei Annie Playden – das ersterbende Gefühl auch bei Marie Laurencin durch Eifersucht neu zu erwecken trachtet.

Im Jahre 1910 publiziert Apollinaire außer seinen eigenen auch eine Reihe von Büchern in der Edition La Bibliothèque des Curieux. Es sind von ihm revidierte, durch einleitende Studien und Anmerkungen ergänzte Ausgaben, die häufig vergessene, irgendwo vergrabene literarische Werte entdecken. Nach Sade und Aretino sind es besonders Andrea de Narciat, Giorgio Baffo und italienische libertinistische Autoren, Mirabeau, Fougeret de Montbruns «Sopha couleur de feu“ (Das feuerrote Sopha), das Crébillon dem Jüngeren als Vorlage für seinen Roman Sopha diente und mit Apollinaires Vorwort im Jahre 1928 ins Tschechische übersetzt wurde, und andere. Im ganzen vierzehn Werke in fünfzehn Bänden – also auch quantitativ eine sehr anspruchsvolle und umfangreiche Arbeit, selbst wenn man in Betracht zieht, daß sie sich auf seine ehemaligen Studien in Bibliotheken und seine gründliche Kenntnis der Bibliographie stützt.

Dabei findet er noch Zeit, persönlichen Verkehr zu pflegen. Er wird mit Marc Chagall bekannt, der 1910 nach Paris kommt, sich in La Ruche niederläßt und außer Apollinaire auch Canud, Jacob, La Fresnay, Delauney und Modigliani kennenlernt. Unser Dichter schließt anregende Freundschaften mit Francis Picabia und seiner Frau und mit dem aus Polen stammenden Maler Louis Markous, dessen Namen er nach einem Dorf in der Nähe von Paris auf Marcoussis französisiert.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966