H. D. (Hilda Doolittle): Das Ende der Qual – 9. März

 

Joan sah dauernd das Bild an, als wir unser übliches rituelles Glas Chianti vor dem Essen tranken. Sie hatte es an der Wand über den Lausanner Bücherregalen befestigt, die Bryher1 für mich hatte kommen lassen. Ich sehe den Löwen vom Bett aus, wenn ich nach dem Frühstück hier schreibe. Joan sagte: »Er sieht aus wie ein Wasserbüffel.« Sie sagte: »Da sind Vögel – jetzt sehe ich noch einen Vogel.« Von hier aus sehe ich den Kopf des Löwen nicht, es könnte ein Minotaurus sein. Er scheint aus seinem Käfig hervorzubrechen. Wieder ist es das »Pirschen, Schleichen / Wie beim Jaguar oder Irbis zu Zagreus’ Zeit« aus dem Gedicht von Guthrie.
Die Stäbe sind jetzt Bäume. Wird der Löwe mich verschlingen oder erlösen – oder beides?
Sie sagen, ich müsse mich noch einmal in Zürich röntgen lassen. Das erschreckt mich. Das ist der Schrecken, von dem man nicht sprechen kann, that walketh by night,2 der nachts umgeht. Womöglich verlangen sie, daß ich wieder in der Klinik bleibe. Es ist die Angst, gefangen, eingesperrt, gefesselt zu sein, gefesselt wochenlang ans Bett. Letzten Winter war ich sechzehn Wochen dort in der Klinik Hirslanden.3 Aber jetzt kann ich ums Haus gehen. Es ist sowieso zu bitter kalt, um hinauszugehen…
In der Zeit meines ersten Wochenbetts, 1915, sah ich ihn nicht. Ich verlor dieses Kind. Das zweite kam vier Jahre später, 1919. Er rauscht in das wohlanständige St. Faith’s Nursing Horne in Ealing bei London. Bart, weicher schwarzer Hut, Ebenholzstock – etwas unglaublich Opernhaftes – Directoire-Mantel, Verdi. Er schritt und stolzierte quer durch den Raum. Er hustete, prustete oder lachte: »Du siehst aus wie die alte Mrs. Grumpy« (oder so ähnlich) »in Wyncote.« In Wyncote, außerhalb von Philadelphia, hatten die Pounds gewohnt. Ich trug tatsächlich ein kleidsames (dachte ich) schwarzes Spitzenhäubchen. Natürlich sah ich nicht aus wie eine Sylphe. Er soll seinen Ebenholzstock wie einen Taktstock geschwungen haben. Ich kann mich nicht erinnern. Da ist aber sein Klopfen, sein Mit-dem-Stock-an-die-Wand-Klopfen, Pounding, in meinem Kopf. Er hatte schon einmal so mit einem Stock geklopft, in einem Taxi während einer schweren Krise meines Lebens. Dies war eine schwere Krise meines Lebens. Sie fand hier statt. »Aber«, sagte er, »meine einzige wirkliche Kritik ist, daß es nicht mein Kind ist.«
Ich fragte mich, wer ihn hereingelassen hatte. Ich wußte nicht, daß er kommen würde. Schreien war mir verboten, untragbar. Wollte ich schreien? Es tat mir leid, daß mein Anblick ihn schockierte. Am nächsten Mittag, am 31. März 1919, wurde das Kind geboren.
Das erste Mal im Taxi, das war, bevor ich verheiratet war. Frances Gregg4 hatte die Lücke in meinem Leben in Philadelphia gefüllt, nachdem Ezra fort war, nachdem unsere »Verlobung« »gelöst« war.
Mag sein, daß der Verlust Ezras ein Vakuum hinterließ; jedenfalls füllte Frances es wie eine blaue Flamme. Mit ihr und ihrer Mutter machte ich im Sommer 1911 meine erste Reise nach Europa. Frances schrieb etwa ein Jahr nach ihrer Rückkehr nach Amerika, daß sie heiraten würde. (»Wenn dieser Brief Dich erreicht, bin ich verheiratet.«) Sie sagte, ein Zweck ihrer Heirat mit diesem englischen Hochschullehrer – oder eigentlich der Hauptzweck – sei die Rückkehr nach Europa, damit sie sich mir wieder anschließen könne; wir würden alle zusammen nach Belgien gehen, wo »Louis«5 lehrte.
Ezra wartete auf mich auf dem Trottoir vor dem Haus in der Nähe des Oxford Circus, wo ich ein Zimmer hatte. Sein Erscheinen war wieder unverhofft, unvorhersehbar. Er fing an: »Ich, als dein nächster männlicher Bekannter…«, und winkte ein Taxi herbei. Er schubste mich hinein. Er klopfte mit seinem Stock, Pounding, wie ich gesagt habe. »Du fährst nicht mit ihnen.« Ich hatte sie am Tag zuvor in ihrem Hotel in der Nähe der Victoria Station getroffen. Alles war arrangiert. Ezra mußte sie danach gesehen haben. »Es besteht eine vage Chance, daß die ›Egg‹« (so nannte er sie) »glücklich wird. Du wirst alles verderben.« Verlegen erklärte ich in der Victoria Station einer verheirateten Frances mit einem langen Reiseschleier aus Tüll, daß ich nicht mitkäme. Ich hätte es mir anders überlegt. Verlegen gab mir der Gatte den Scheck zurück, den ich für meine Fahrkarte ausgestellt hatte. Grollend und finster wartete Ezra bis der Zug abfuhr.