Lest Kaschnitz!

Lest Kaschnitz!

– Vor 125 Jahren wurde Marie Luise Kaschnitz geborgen. Ihr Duktus der Klarheit, ihre Beobachtungen wären heute aktueller denn ja. –

Es war Ende Januar, bald nach den Weihnachtsferien, als das dicke Kind zu mir kam. Das Kind ist etwa zwölf Jahre alt, es trägt einen altmodischen Lodenmantel, schwarze gestickte Gamaschen und an einem Riemen ein Paar Schlittschuhe. Es kommt nicht, wie die anderen Kinder in dieser Geschichte, aus der Nachbarschaft, um sich ein Buch auszuleihen.

Es giert nach dem Tablett mit den belegten Broten. Auf die Frage, wie es heißt, antwortete es:

Man nennt mich die Dicke.

Als es gefragt wird, wann es geboren ist, sagt es »im Wassermann«. Die Erzählerin gibt ihm zu essen und beschreibt das Kind daraufhin als fette Raupe »… und wie eine Raupe hatte es auch gegessen und wie eine Raupe witterte es jetzt wieder herum.«

Der junge Lehrer, der Mitte der Achtzigerjahre »Das dicke Kind« von Marie Luise Kaschnitz auf losen Blättern austeilt, die nach der spiritushaltigen blauen Farbe des Matrizendruckers riechen, kann die Schüler der Mittelstufe für diese Erzählung nicht begeistern. In seiner Funktion als Musiklehrer hatte er bereits mit dem ständigen Abspielen seiner Lieblingssingle »Yellow Submarine« den Kindern die Freude an den Beatles ausgetrieben.

Die Klasse langweilt sich, es entsteht Unruhe, und Witze auf Kosten der Übergewichtigen werden gerissen, von denen es in der Klasse nicht wenige gibt. Was nicht nur, aber auch daran liegen kann, dass sie im Unterricht des Lehrers mit der Latzhose essen dürfen. Gleich nach der nächsten Klassenarbeit sind »Das dicke Kind« und seine Verfasserin wieder vergessen.

Heute ist die Dichterin Marie Luise Kaschnitz, die eine brillante Beobachterin und beeindruckende Stilistin war, die das Leben ebenso kritisch wie fragend und kenntnisreich beschrieb, vom gesamten Literaturbetrieb, sogar von ihrem eigenen Verlag so gut wie vergessen. Nur wenige Leser und ein paar Schriftgelehrte wird es noch geben, die an diesem 31. Januar ihres 125. Geburtstags gedenken. Das ist traurig und ganz unverständlich, auch in Anbetracht der fortwährenden Huldigungen männlicher Kollegen ihrer Zeit.

Marie Luise Kaschnitz – ein Vorname wie eine wilhelminische Taftschleife. Im angeheirateten Nachnamen klingen Härte und preußische Disziplin an, eine Haltung, die ihr als Freiin von Holzing-Berstett in die Wiege gelegt wurde. Wer nun aber glaubt, mit dieser Herkunft könnte nur Adelsprosa verfasst worden sein, Gedichte, lieblich oder belanglos wie bestickte Kissen, der irrt.

Geboren in Karlsruhe, wächst sie mit zwei Schwestern und einem jüngeren Bruder in der Garnisonsstadt Potsdam auf, behütet, aber in Strenge, der Vater ist preußischer Generalmajor. Während ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin in Weimar lernt sie ihren Mann, Guido Kaschnitz von Weinberg, kennen, einen Klassischen Archäologen aus Österreich. Sie geht nach Rom, heiratet ihn dort und bekommt eine Tochter, Iris Costanza.

Der Anfang in der Ewigen Stadt ist hart, das Geld ist stets knapp. Ist die Miete einer Wohnung erschwinglich, hat man nur einen befristeten Vertrag, fortwährend muss die Familie umziehen. Die Kaschnitz schreibt zunächst im Verborgenen, hält dem Ehemann »den Rücken frei«, ein Ausdruck weiblicher Opferbereitschaft. Ihr erster Roman Liebe beginnt handelt von einem jungen Paar, das in den Süden reist und sich dabei in partnerschaftliche Schwierigkeiten verwickelt.

Man kann das Buch als Schlüsselroman einer jungen Ehe lesen, die innig, aber besonders am Anfang durch Guido Kaschnitz’ akademische Karriere nicht konfliktfrei ist. Dabei war es ein Glück für beide, dass er als wissenschaftlicher Mitarbeiter einen Ruf nach Rom bekommen hatte, an das Deutsche Archäologische Institut.

Damals begann ihre besondere Beziehung zu Italien, ihr Interesse für die Antike, die sie aus kundiger Nähe zu einem Archäologen kennenlernte, über das, was Literatur und Schulbildung ihr geboten hatten – auch aus eigener Anschauung. Anfang der Dreißigerjahre kehrt das Paar nach Deutschland zurück, ihr Mann habilitiert sich und erhält eine Professur an der Universität Königsberg, ein Jahr später kommt Hitler an die Macht, sie geraten in die Falle des Dritten Reiches.

1934 hat Kaschnitz ihren Durchbruch als Dichterin, sie reicht ihr Gedicht »Die Wellen« zum Schreibwettbewerb der illustrierten Modezeitschrift Die Dame ein und gewinnt den ersten Preis. Von ihrem Preisgeld, 1.000 Reichsmark, kauft sich die passionierte Autofahrerin einen Opel. Den Faschismus haben beide in Rom kennengelernt, nun sind sie auf den »Straßen des Führers« unterwegs. Es folgen Stationen in Marburg und Frankfurt am Main, wo der Mann eine Anstellung erhält, der Familiensitz der Kaschnitz in Bollschweil im Badischen wird ihre Heimat bleiben, dort sind sie beide begraben.

Doch immer wieder zieht es sie nach Italien. Die Liebe zum Land, seiner Kultur und zu den Menschen dort überdauert alle politischen Notzeiten, und nach dem Tod des geliebten Mannes, Jahren der Wirksamkeit in Deutschland und einer überstandenen Tumorerkrankung kehrt die Kaschnitz nach Rom zurück und wird dort heimisch, nicht zuletzt in Erinnerung an die Jahre gemeinsamen Lebens.

Dort entsteht in den Fünfzigerjahren Engelsbrücke, eine Art Chronik aus Prosaminiaturen. Der Leser staunt, wie es ihr gelingt, über die reine Betrachtung hinaus – in markanten Denkbildern, mit denen Walter Benjamins vergleichbar – die gelebten Jahre zusammenzufassen in funkelnder Prosa. Engelsbrücke ist ein literarisches Dokument von höchstem Rang, eine Auskunft über die damaligen Lebensumstände in Rom, in Italien, aber auch die allgemeine Lage im Europa der Nachkriegszeit.

In sachlicher, zugleich kaleidoskopischer Manier die Dinge festhalten, wie sie waren, nicht dem nachträglichen Urteil folgend. Die Schönheit aufnehmen, ganz ohne schwärmerischen Tonfall. Die Schrecken schildern, ohne zu klagen, doch schwingt auch die Anklage mit. Vor allem beeindruckt die ornamentlose Sprache. Dieser Duktus der Klarheit, den man auch von manch anderen ihrer Weggenossen kennt, den Denkern und Intellektuellen, die in unbestechlicher Objektivität Gedanken entwickelten, auch in Interviews, die damals noch echte Zwiegespräche sein durften – man denke an Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus. Eine Aussage, ein Einschub, ein kurzer Exkurs, Punkt für Punkt. Auch bei der Kaschnitz spricht der Verstand, an christlichen Werten geschult, der mit ruhigem Gewissen der genauen Beobachtung, dem Herzen folgt.

Was hat die Kaschnitz während des Krieges gemacht, wird man heute gefragt, wenn man bei Literaturhäusern anklopft und versucht, das Interesse an einem Jubiläumsabend zu wecken. Zu wenig, klagte sie sich selbst später an, nein, sie war nicht im Widerstand gewesen. »Und das Schöne stirbt uns unter der schreibenden Hand«, notierte sie, als das Ausmaß der Katastrophe, vor allem der deutschen Verbrechen, für jeden erkennbar wurde. Sie, die das Hitlerregime zutiefst verabscheute, schrieb und hielt in Reflexionen fest, ihre Existenz im Licht des Gewissens prüfend. In dem Gedicht »Eines Tages« findet sich die Zeile:

Ein wölfisch Wesen springt aus Lammesmienen.

Bald nach dem Krieg schon verfasste sie eine kämpferische Abrechnung mit der von Frank Thieß geprägten Formel von der Inneren Emigration. Ging härter mit sich und der Generation der im Hitlerreich Gebliebenen ins Gericht als etwa Gottfried Benn, der verirrte Dichter, der seine unhaltbare Position gegenüber den Vertriebenen und Verfolgten als »Doppelleben!« einzuordnen versuchte. In der Aufzeichnungssammlung Orte heißt es:

Worin soll sie denn bestanden haben, unsere sogenannte innere Emigration? Darin, dass wir ausländische Sender abhörten, zusammensaßen und auf die Regierung schalten, ab und zu einem Juden auf der Straße die Hand gaben, auch dann, wenn es jemand sah?

Die Erzählkunst der Marie Luise Kaschnitz kann für den Nachgeborenen, für heutige Leser zum Ankerpunkt werden, gerade in Zeiten wie diesen, da jeder sich fragen muss: Was tue ich gegen die Demokratieverletzungen unserer Tage, den Zynismus reiner Machtpolitik, gegen die eigene Indifferenz beim Heraufkommen von Verhältnissen, die nicht nur linke Alarmisten als präfaschistisch wiedererkennen?

Dass die Kaschnitz weniger gegenwärtig ist als die berühmte Ingeborg Bachmann, ihre jüngere Schwester im Geiste, mag daran liegen, dass sie von heute aus betrachtet nicht mehr zur Generation der Großmütter, sondern zu der der Urgroßeltern gehört – es scheint, als würde sie hinter den literarischen Ahnentafeln verblassen. Ein anderer Verdacht ist, dass sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere äußerlich im Repertoirefach der grauen Tanten spielte, der Typ Studienrätin mit Perlenkette und Glockenfrisur.

Vergessen war zu dieser Zeit längst die Tabakspfeife, die sie als junge Frau wie eine Vertreterin der Neuen Sachlichkeit demonstrativ in die Kamera gehalten hatte. Oder das Bildnis der Zwanzigerjahre-Schönheit, eine emanzipierte junge Frau wie Irmgard Keun, die fast gleichaltrige, nur eben aus adligem Hause. Es bleibt der Kontrast zu der ein Vierteljahrhundert jüngeren Kollegin aus Österreich, die wie sie in Rom starb, der angesagten Dichterin, die zu Lebzeiten als attraktiv galt und bisweilen heute noch mit dem aus der Zeit gefallenen Begriff »erotisch« beschrieben wird.

Befragt man die wenigen betagten Männer, die sie kannten, als sie selber noch jung und frisch waren, wird einem vorgeführt, wie energisch die Kaschnitz ihre große Handtasche trug. Man erinnert sich an den steifen Fall ihres Faltenrocks anstatt daran, dass sie es war, die als erste Frau den Büchnerpreis erhielt (1955). In der Begründung der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung hieß es damals:

Kühn und von Tröstung erklang inmitten des Krieges die reine Stimme ihrer Dichtung. Stets dem Geiste zugewandt.

Ihr überschaubares Werk aber kann heute als hochmodern gelten. Da wäre die fast mathematisch angelegte Erinnerungsprosa Haus der Kindheit. In einer nüchternen Versuchsordnung wird da das Gebäude der Erinnerung bereist, aus immer neuen Perspektiven, man denkt an Calvino und Georges Perec, hier zeigt sich die Vertreterin einer mittlerweile klassischen Moderne.

Das meiste, was Marie Luise Kaschnitz schrieb, verdankt seine Glaubwürdigkeit autobiografischen Ursprüngen. Dabei ist ihre kunstvolle Vermeidung des Ich, der ersten Person Singular, bemerkenswert. Die Hinwendung zum Wir kann als Akt gesellschaftlicher Umarmung verstanden werden, aber auch als Zeichen einer diskreten, liebevollen Privatheit.

Denn das Wir bezieht sich in vielen Wendungen auf die Beziehung zu ihrem Ehemann Guido. Der Bund zwischen den beiden war so eng, dass sie manches Mal das schlechte Gewissen der Mutter gegenüber der Tochter plagte. Sein Tod, der sie in eine tiefe Krise stürzte, brachte in ihr eines der großen Trauerbücher der deutschen Literatur hervor, den Gedichtband Dein Schweigen – meine Stimme, ein in der deutschen Literatur einzigartiges Dokument.
Am Ende der Erzählung vom »Dicken Kind« geht es auf das Eis. Seine Schwester dreht auf einem zugefrorenen See anmutig ihre Runden, doch unter der Unbeholfenen zerbricht die Eisdecke. Beim Versuch, sich an einem Pfahl hochzuziehen, beginnen ihre Finger zu bluten, es fällt zurück.

… und jetzt hätte ich dem Kind wohl helfen mögen, aber ich wusste, ich brauchte ihm nicht mehr zu helfen, ich hatte es erkannt.

Die Geschichte endet damit, wie die Verfasserin ein Foto betrachtet.

… ein altes Bildchen, das mich selbst darstellte, in einem weißen Wollkleid mit Stehkragen, mit hellen wässrigen Augen und sehr dick.

Marie Luise Kaschnitz stirbt am 10. Oktober 1974 in Rom, nach einem Bad im Meer von Ostia.

Marcel Reich-Ranicki hat sie später gewürdigt als eine leise Autorin, er sprach von kammermusikalischer Intensität und nahm einige ihrer Gedichte in die von ihm begründete Frankfurter Anthologie auf. Aber nun haben auch sie das Feld verlassen, die Großkritiker, die volldröhnend noch Empfehlungen geben konnten wie diese: Kaufen Sie die Bücher der Kaschnitz, die letzten, derer Sie habhaft werden können, als Wertanlage für Ihre Enkel! Die Gesamtausgabe bei Suhrkamp ist längst vergriffen.

Eva Sichelschmidt, Süddeutsche Zeitung, 31.1/1.2.2026

Lebenslauf

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Merkur ✝︎ Tat

Gedenktage

Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Elsbet Linpinsel: „Der Dichter spricht“
Die Tat, 27.1.1971

 

Zum 100. Geburtstag der Autorin:

Cornelius Hell: Der defekte Schlusssatz
Die Furche, 24.1.2001

 

Zum 40. Todestag der Autorin: