Der sarmatische Freund

Der sarmatische Freund

– Als er vor 50 Jahren starb, pilgerten Ost und West zu seinem Grab: Johannes Bobrowski machte die Memel zur Literaturlandschaft und seine Berliner Wohnung zur Begegnungsstätte. –

Vor 50 Jahren, am 2. September 1965, starb der Dichter Johannes Bobrowski in einem Berliner Krankenhaus an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Er war 48 Jahre alt und gerade dabei, zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller zu werden – in Ost wie West. Die Erinnerungen seiner Freunde beschreiben die Dramatik der letzten Tage vor seinem Tod. Bobrowski vertrug die Antibiotika nicht. Auch die aus dem Westen über die Grenze geschmuggelten schlugen nicht an. Nichts konnte ihm helfen. Sein Begräbnis war für viele Jahre die letzte Begegnung deutsch-deutscher Schriftsteller. Sogar Uwe Johnson hatte eine Einreisegenehmigung erhalten. Ost und West, Stephan Hermlin und Hans Werner Richter, sprachen am Grab.

Auf dem kleinen Christophorus-Friedhof in Friedrichshagen, am östlichen Rand von Berlin, kreuzt der Ruf eines Käuzchens den Lärm eines Flugzeugs. Ein Mann, der ein benachbartes Grab pflegt, führt uns zu Bobrowski. Er kennt sich aus mit dem Dichter und seiner Verwandtschaft, zitiert freihändig aus dem Werk, bis ein Anruf ihn nach Hause beordert. Das von Wieland Förster gestaltete Grab hat etwas Abweisendes, was nicht am Werk des Künstlers, sondern an der diagonal über dem Grab angelegten, zurechtgestutzten Hecke liegt. Ein übergroßer Ziegelstein mit dem Wappen Berlins und der Aufschrift »EHRENGRAB« möchte jeden davon abhalten, so berühmt zu werden, dass die Stadt Berlin die Grabpflege übernimmt.

Sarmatien, diesen magischen Ort im europäischen Osten, hat Johannes Bobrowski literarisch verpackt und somit geschützt nach Friedrichshagen gerettet. Schon 1938 zog die Familie aus Ostpreußen, wo Bobrowski 1917 in Tilsit geboren worden war, in das 1753 auf Geheiß Friedrichs des Großen gegründete Kolonistendorf schlesischer und böhmischer Einwanderer, die Seidenraupenzucht betreiben sollten. Die Maulbeerbäume hielten den Wintern nicht stand.

Friedrichshagen wurde zu einem Ort der Sommerfrischler und des Friedrichshagener Dichterkreises, dessen Mitglieder heute noch als Straßennamen präsent sind. Zwei Häuser neben dem Haus Ahornstraße 26, in dem die Familie Bobrowski bis vor Kurzem wohnte, nahm Erich Mühsam einige Zeit Quartier, die Straße runter in Richtung Bahnlinie wohnten die Gebrüder Hart. Wilhelm Bölsche und Peter Hille lebten nahebei. Vor allem aus West-Berlin gab es Pilger, die dem Haus in der Ahornstraße oft und gerne einen Besuch abstatteten. »Alle waren bei Johannes Bobrowski«, schrieb Hubert Fichte.

Bei aller Ernsthaftigkeit seiner Themen muss der Dichter einen entwaffnenden Humor gehabt haben und überaus gesellig gewesen sein. Günter Bruno Fuchs hat von einem gemeinsamen Besäufnis bei der von Bobrowski hochgeschätzten Dichterin Christa Reinig in der Milastraße berichtet:

Über was wir gelacht haben, weiß
ich nicht mehr. Einmal vielleicht ziemlich motivlos über
das Wort Jannowitzbrücke, … Christa
trank uns Kerle unter den Teppich.

1962 gründeten sie gemeinsam mit dem ebenfalls als trinkfest bekannten Schriftsteller Manfred Bieler den Neuen Friedrichshagener Dichterkreis, der seine Aufgabe »in der Beförderung der schönen Literatur und des schönen Trinkens« sah.

Christoph Meckel beschrieb es ambivalenter. Die christliche Nächstenliebe verbot es Bobrowski, allzu aufdringliche Schnorrer und Zeitdiebe einfach rauszuschmeißen, um weiterzuarbeiten.

Seine Gastfreundschaft wurde legendär, und der Familientisch zum Freundschaftsaltar. Das kam aus östlicher Überlieferung, bestimmte das Leben der Familie und wurde um jeden Preis festgehalten. Wo sonst in der deutschen Literatur gab es diese offenen Arme.

Auch nach seinem Tod blieb sein Haus viele Jahrzehnte offen, ließ die Familie Besucher ins Haus, die sich im Arbeitszimmer des Dichters umsehen durften. Es animierte Gerhard Wolf zu einer der schönsten literarischen Biografien, die ich gelesen habe, sprachlich ebenbürtig und von großem Verständnis für das Werk und seinen Schöpfer geprägt: Beschreibung eines Zimmers. 15 Kapitel über Johannes Bobrowski. Die Gegenstände seines Zimmers beschreiben die Entstehung seines Werks.

Klaus Wagenbach hingegen hat versucht, die Person zu beschreiben:

Nicht besonders groß, aber breit und gewichtig – 196 Pfund; ich erinnere mich daran, weil er einmal ausführlich erörterte, wie die vier auf die zwei Zentner ausstehenden Pfunde wohl zu erwerben seien. Dabei war er beweglich, ging schnell, bevorzugte Anzüge von väterlich bequemem Schnitt, in denen er förmlich turnen konnte.

An »Eisbärenaugen« erinnerte sich Bernd Jentzsch, an »schöne Nilpferdaugen« Günter Bruno Fuchs.

Bobrowski hatte wenig Zeit, sein Werk zu schaffen, das, was Motive und Poetik angeht, bis heute einzigartig ist. Zwischen seiner ersten Buchveröffentlichung, dem Lyrikband Sarmatische Zeit, und seinem Tod lagen nur vier Jahre. Dabei schrieb er konzentriert, mit kreativen Pausen dazwischen. Mit dem Roman Levins Mühle. 34 Sätze über meinen Großvater, jener 1874 im damaligen Westpreußen an der Drewenz angesiedelten Fabel zweier Mühlenbesitzer, einem deutschen und einem jüdischen, wurde er 1964 berühmt. »Alle seine Gestalten, deren keine ohne eine gewisse Sympathie geschildert wird, stehen im Licht der gleichen epischen Gerechtigkeit«, schrieb Carl Zuckmayer in der Laudatio zur Zuerkennung des Charles-Veillon-Preises. Der Roman Litauische Claviere entstand in sieben Wochen, vom 6. Juni bis zum 28. Juli 1965. Zwei Tage nach Beendigung des Manuskripts kam Bobrowski ins Krankenhaus, das er nicht mehr verließ.

Johannes Bobrowski hat sich, wie Uwe Johnson, dagegen gewehrt, als deutsch-deutscher Dichter bezeichnet zu werden, er war ein deutscher Dichter, in beiden deutschen Staaten anerkannt, die Werke erschienen gleichzeitig, in der DDR im Union Verlag, im Westen bei der Deutschen Verlagsanstalt und dem Fischer Verlag und später, als der Fischer-Lektor Klaus Wagenbach in West-Berlin seinen eigenen Verlag gegründet hatte, dort.

Jede Generation muss Bobrowski neu entdecken, nicht selbstverständlich gehört er zum Kanon deutschsprachiger Literatur, auch wenn seine Texte in einigen Bundesländern Schulstoff sind. Im März gab sich Bundespräsident Joachim Gauck als Fan zu erkennen, mit einer Literarischen Soirée im Schloss Bellevue, die, so vermutete die Süddeutsche Zeitung, »auch als Feierstunde des Kulturprotestantismus gewünscht« war, denn Bobrowski war, in der DDR nicht selbstverständlich, bekennender Christ und Lektor im christlichen Union Verlag. Schwer zu sagen, wie es weitergegangen wäre mit Bobrowski und der DDR, wenn er überlebt hätte. Er ist wenige Wochen vor dem 11. Plenum gestorben, jenem Rundumschlag der SED gegen Schriftsteller, Künstler und Filmemacher, aus dem die wenigsten Betroffenen unbeschadet hervorgingen. In seinem Essay Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens hat der Dichter Franz Fühmann 1973 geschrieben:

Ich muss gestehen, dass ich anfangs seiner Lyrik schroff ablehnend gegenübergestanden bin: das Wachhalten, vielleicht sogar Wiedererwecken von Gefühlen, die aussterben mussten. … Doch aus der Geschichte lässt sich nichts tilgen, kein einziger Aspekt und kein einziges Gefühl, sie lassen sich nur in gewissem Sinn aufheben. Nicht ein »Es war nie gewesen« und auch nicht ein »Als ob es nie gewesen wäre«, sondern nur so ein »Es war so und ist vorbei« ist der sichere Grund, ein Neues zu bauen.

Uwe Rada hat in seinem 2010 erschienenen Buch Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes die Bedeutung der Dichtung Johannes Bobrowskis für diese Flusslandschaft gewürdigt.

Über Flucht und Vertreibung hatte das SED-Regime, auch aus Rücksicht auf die Sowjetunion, den Mantel des Schweigens gelegt – und das Erinnern an die Orte und Flüsse der Kindheit ins Private gedrängt. Und plötzlich erhob da einer seine Stimme und besang einen Strom, der vor allem durch die erste Strophe des Deutschlandliedes bekannt war.

1961 hat Bobrowski diesen Verlust in einer Auskunft an den Schriftstellerverband der DDR wie folgt beschrieben:

Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmensee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: Die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit.

Das spätantike Sarmatien, diese Landschaft entlang der Memel, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, wurde von Johannes Bobrowski zur Literaturlandschaft erhoben. Und sie gibt ihm heute viel zurück. Seit Jahren macht man sich in Litauen verdient um das Werk des Autors. Als die Friedrichshagener Wohnung nach dem Tod Johanna Bobrowskis 2011 trotz der Bemühungen der Johannes-Bobrowski-Gesellschaft nicht mehr zu halten und das Land Berlin nicht in der Lage und willens war, die Kosten zu tragen (nur die Bibliothek war 2008 von der Berliner Zentral- und Landesbibliothek übernommen worden), ergriffen Jörg Naß und der evangelische Pfarrer Mindaugas Kayris aus dem litauischen Vilkyškiai (Willkischken), in dem Bobrowski als Kind seine Ferien verbracht hatte, kurzerhand die Initiative, ließen die Möbel abholen und richteten im Gemeindehaus der evangelisch-lutherischen Kirche eine Ausstellung ein, deren Herzstück das originale Arbeitszimmer Johannes Bobrowskis ist. Die Liege, der Schreibtisch, die Schreibmaschine, sogar seine Lieblingsjacke. Auch in Tilsit, heute Sowjetsk, im zur Russischen Förderation gehörenden Kaliningrader Oblast, gibt es eine Bobrowski-Gesellschaft.

Zum 100. Geburtstag in zwei Jahren möchten die neuen Eigentümer des Friedrichshagener Hauses in der Ahornstraße 26 den Raum, in dem sich Bobrowskis Zimmer befand, wieder zugänglich machen. Ob das sinnvoll ist, ohne Möbel, ohne Bibliothek und Archiv, ist fraglich. Bis dahin weist eine Tafel auf den berühmten ehemaligen Bewohner hin. Friedrichshagen ehrt den Dichter, indem es sich nützt: Seit einigen Jahren gibt es in der Hauptverkehrsstraße, der Bölschestraße, die Lesereihe Bobrowskis Mühle. Finanziert von Gewerbetreibenden und organisiert von Kai Grehn und dem jüngsten Sohn Bobrowskis, Adam, kommen hier jüngere Autorinnen und Autoren zu Wort, die das Werk Bobrowskis schätzen.

Neben der Friedrichshagener Bibliothek, die seinen Namen trägt, gibt es seit 1987 im Stadtteil Hellersdorf auch eine Johannes-Bobrowski-Straße, gesäumt von renovierten Plattenbauten und viel Grün. Parallel dazu verläuft die Heidenauer Straße, ein Name, der gegenwärtig leider für alles steht, was Fremde und Hilflose verachtet. Auf dem Weg zwischen Bobrowski- und Heidenauer Straße ist eine Brache mit Hochspannungsleitungen und Holunderbüschen. An denen ich nicht vorbeigehen kann, ohne an Bobrowskis Gedicht »Holunderblüte« zu denken, das anfängt:

Es kommt
Babel, Isaak.
Er sagt: Bei dem Pogrom,
als ich Kind war,
meiner Taube
riss man den Kopf ab.

Und endet mit:

Leute, es möchte der Holunder
sterben
an eurer Vergesslichkeit.

Annett Gröschner, Die Welt, 29.8.2015

Lebenslauf

Fakten und Vermutungen zum Autor + Umzug + KLG +

IMDb + Archiv 12 + Internet Archive + Kalliope

Nachrufe

Der Sonntag ✝ Die Zeit ✝ SZ ✝ Kürbiskern ✝ Kunze ✝ Grabrede 1 & 2

Gedenktage

Zum 1. Todestag des Autors:

Jürgen P. Wallmann: ich hab gelebt im Land, das ich nenne nicht“
Die Tat, 3.9.1966

 

Zum 50. Geburtstag des Autors:

Gerhard Desczyk: „… so wird reden der Sand“
Neue Zeit, 9.4.1967

 

Zum 10. Todestag des Autors:

Peter Jokostra: Gedenkzeichen und Warnzeichen
Die Tat, 29.8.1975

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Gerhard Rostin: Der geht uns so leicht nicht fort
Neue Zeit, 9.4.1977

 

Zum 15. Todestag des Autors:

Jürgen Rennert: Von der Sterblichkeit der Dichter
Das Literaturjournal, 3.9.1980

 

Zum 20. Todestag des Autors:

Gerhard Wolf: Stimme gegen das Vergessen
Freibeuter, Heft 25, 1985

Reinhold George: Brober
Schattenfabel von den Verschuldungen. Johannes Bobrowski zur 20. Wiederkehr seines Todestages, Amerika Gedenkbibliothek, Berliner Zentralbibliothek, 1985

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Michael Hinze: Mitteilungen auf poetische Weise
Berliner Zeitung, 9.4.1987

Eberhard Haufe: Der Alte im verschossenen Kaftan
Neue Zeit, 9.4.1987

 

Zum 50. Todestag des Autors:

Annett Gröschner: Der sarmatische Freund
Die Welt, 29.8.2015

Christian Lindner: Mit dem dunklen Unterton der Melancholie
deutschlandradiokultur.de, 2.8.2015

Lothar Müller: Nachrichten aus dem Schattenland
Süddeutsche Zeitung, 1.9.2015

 

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Helmut Böttiger: Große existenzielle Melodik
Süddeutsche Zeitung, 6.4.2017

Dirk Pilz: Dem großen Dichter zum 100. Geburtstag
Berliner Zeitung, 6.4.2017

Dirk Pilz: Ostwärts der Elbe
Frankfurter Rundschau, 7.4.2017

Arnd Beise: Ein Christenmensch und ein großer Geschichtenerzähler
junge Welt, 8.4.2017

Klaus Walther: Johannes Bobrowski: In „Sarmatien“ eine poetische Heimat gefunden
FreiePresse, 7.4.2017

Richard Kämmerlings: Der Deutsche, der an der Ostfront zum Dichter wurde
Die Welt, 9.4.2017

Cornelius Hell: Wer war Johannes Bobrowski?
Die Presse, 7.4.2017

Klaus Bellin: Erzählen, was die Leute nicht wissen
neues deutschland, 8.4.2017

Tom Schulz: Mein Dunkel ist schon gekommen
Neue Zürcher Zeitung, 9.4.2017

Manfred Orlick: Die Deutschen und der europäische Osten
literaturkritik.de, 5.4.2017

Oliver vom Hove: Der Dichter verlorener Welten
Wiener Zeitung, 9.4.2017

Wolf Scheller: Poetische Landnahme im Osten
frankfurter-hefte.de, 1.4.2017