
Die weißen Seiten der Freiheit: Johann Lippets Leben für und zwischen den Zeilen
– Hineingeboren in die Wirren der Nachkriegszeit am 12. Januar 1951 im österreichischen Wels, an einem Ort, der nicht seine Heimat bleiben sollte, wuchs Johann Lippet in der Banater Heide, in dem Dorf Wiseschdia auf, ein Ort, der ihn zeit seines Lebens literarisch verfolgte. Johann Lippet, von Beruf Lehrer, Dramaturg und Schriftsteller, hat am Abend des 5. Oktobers 2026, kurz nach 20.00 Uhr in Heidelberg am Neckar seine letzte große Reise angetreten. Mit ihm verliert die deutschsprachige Literatur einen ihrer unbestechlichsten Chronisten, einen sensiblen poetischen Seismographen des Überlebens im Unrechtsstaat und einen unermüdlichen Grenzgänger zwischen Fiktion und nackter, dokumentarischer Wahrheit. Das Begräbnis von Johann Lippet ist am Freitag, dem 16. Oktober, um 11.00 Uhr in der Friedhofskapelle, Hermann-Löns-Straße 1, in 69207 Sandhausen. –
Johann Lippets Lebensweg war – wie die mancher seiner Generationskollegen – von den historischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts gezeichnet. Seine Eltern hatte es in den Kriegsjahren nach Österreich verschlagen, von wo die Familie mit dem fünfjährigen Johann 1956 nach Wiseschdia zurückkehrte. Die von der banatschwäbischen Gemeinschaft geprägte Herkunft in dieser auch ländlichen Idylle ließ ihn schnell heimisch werden in dem kleinen Dörfchen ohne Bahnhof, das zeitlebens das Gravitationszentrum seines Schreibens wurde.
Nach dem Abitur in Großsanktnikolaus studierte Lippet Germanistik und Rumänistik an der Universität in Temeswar und setzte seine bereits im Lyzeum in Großsanktnikolaus begonnene literarische Aktivität fort. 1969 debütierte er mit Gedichten in der Temeswarer Neuen Banater Zeitung, und erstmals in Buchform erschienen schließlich drei Jahre danach zwei Gedichte, »Jeden Abend« und »Festungen zerfallen«, in der von Eduard Schneider herausgegebenen Anthologie Wortmeldungen, ein erster Sammelband junger rumäniendeutscher Dichter, 1972 im Facla Verlag Temeswar veröffentlicht. Dort nannte Johann Lippet neben Bert Brecht und Erich Kästner die rumänischen Dichter Lucian Blaga, Marin Sorescu, Ana Blandiana und die bedeutende rumäniendeutsche Dichterin Anemone Latzina als seine Vorzugsautoren.
Lippet erwies sich von Anfang an nicht als ein Dichter und Bewohner des Elfenbeinturms, seine Aufmerksamkeit galt den handgreiflichen Fakten seiner ländlichen Gegenwart:
Jeden Abend
sammeln sich meine Gedanken
vor der Tür.
Dann ziehen sie die Schuhe aus,
damit sie geräuschlos
und ohne Schmutz zu machen
bis zu mir kommen können.
Ich betrachte sie:
ihre Schönheit,
die Eleganz ihrer idealen Körper,
und öffne dann rasch das Fenster.
Während ich vor der Tür
die vom Schmutz beladenen Schuhe einsammle,
weichen die Idealbilder durchs Fenster.
In den sieben Finalzeilen des 21 Verszeilen starken Gedichtes »Festungen zerfallen«, in der gleichen Anthologie erschienen, kündigte er bereits eine gewisse Widerständigkeit und Beharrlichkeit an, die sein Schreiben bis zum letzten Buch begleiten und prägen sollte:
Als der Sturm brauste
und die Wellen höher schlugen,
zerrann meine Burg
in der Unendlichkeit,
und ich stand am Ufer des Anfangs.
Ich baute in Gedanken
Eine Burg.
Das »Ufer des Anfangs« ist ein bildstarkes Paradoxon. Es beschreibt den Moment absoluter Leere nach einer Katastrophe, alles ist weg, zerstört, zerronnen, gleichzeitig signalisiert der Autor aber auch die Geburtsstunde von etwas Neuem. Er sieht sich am Nullpunkt, aber mit Blick nach vorn.
Die Pointe (»Ich baute in Gedanken / Eine Burg«) markiert die innere Wende. Obwohl die physische oder reale Sicherheit zerstört wurde, besitzt das standhafte Ich noch immer die Schöpferkraft. Der Wiederaufbau beginnt nicht im Außen, sondern findet im Geist (in Gedanken) statt. Es zeigt den unerschütterlichen menschlichen Willen, nach dem Scheitern neu anzufangen, eine Haltung möglicherweise inspiriert vom erlebten Schicksal seiner von der Geschichte durch Europa getriebenen Eltern. Das Gedicht perpetuiert zuversichtlich den ewigen Kreislauf aus Zerstörung und Schöpfung.
Als Mitbegründer der schon legendären Aktionsgruppe Banat (1972–1975) probte Johann Lippet in Temeswar gemeinsam mit Gleichgesinnten wie Richard Wagner, Anton Sterbling, Werner Kremm, Gerhard Ortinau, William Totok, Albert Bohn, Rolf Bossert und Ernest Wichner die ästhetische und literarische Auflehnung und Erneuerung des vom hochstilisierten sozialistischen Realismus schwer gezeichneten Anbiederungsstils der älteren Schriftstellergeneration. Es war eine Art Rebellion der Jungen in »Jeans und mit langen Haaren«, vor allem aber eine Erhebung mit dem geschriebenen Wort im Blick auf Autoren und damalige literarische Taktgeber wie Bert Brecht, Hans Magnus Enzensberger, Volker Braun oder die Wiener Gruppe. Seine frühen Gedichte, wie das melancholische »gewesener selbstmordgang der familie«, sezierten die bleierne Schwere der banatschwäbischen Provinz und die Traumata der dörflichen Gemeinschaft:
… und ich glaube daß ihr bewußtsein sich gewandelt hat da sie an feiertagen die bäume weißen und fahnen heraushängen lange zeit hatten sie keine fahnen als die todesfahne…
Dieses insistierende, fast forensische Erinnern zog sich durch Lippets gesamtes literarisches Werk, von dem Poem »biographie. ein muster« (1980) bis zu seinen späten Erzählungen.
In dem nach rückwärts gerichteten Lichtkegel auf sein literarisches Œuvre scheint es, als wären ihm sein Weg und die damit verbundenen Vorhaben von Anfang an im Unterbewusstsein implantiert gewesen, denn wuchtig beginnt er sein Poem:
ich, johann lippet, bin nur indirekt aus dem banat,
meine mutter brachte mich in österreich zur welt,
wohin sie aus der sowjetunion gekommen war, und die frage
nach dem warum, und wie wird sich mir noch öfters stellen.
Die Deportation in die Sowjetunion nicht als Verharmlosung beschrieben, sondern als kritische Auseinandersetzung aufzurufen, wie das in seinem Biographie-Poem geschah, galt damals als außergewöhnlich und die Lesung aus dem Poem im Adam Müller Guttenbrunn-Literaturkreis war ein Bombenerfolg und brachte ihm 1980 den ersten verliehenen und von den Mitgliedern des Adam Müller-Guttenbrunn-Kreises gestifteten Literaturpreis ein.
Für mich als Lyriker war Lippets damalige Lesung ein prägendes Ereignis. Und jenes, in der Buchreihe der berüchtigten Kriterion-Hefte des Bukarester Kriterion Verlages erschienene, und jahrzehntelang vergriffene Poem, galt unter uns als Sensation und war schnell verkauft. Die von dem in Lugosch gebürtigen Banater Fotografen Edmund Höfer mutig gestalteten Umschläge der Buchreihe führten dazu, dass diese Reihe schnell eingestellt werden musste.
Erst nach sage und schreibe 43 Jahren wurde dieses Biographie-Buch 2023 im Pop Verlag Ludwigsburg verdienstvollerweise neu aufgelegt, versehen mit einem profunden Nachwort »Leben sammeln in der Diktatur« von Walter Fromm. Es ist bis heute mein liebstes »Lippet-Buch«, noch vor dem 798 Seiten starken Roman Dorfchronik (2010), den Gedichtbänden Banater Alphabet (2001) und Anrufung der Kindheit (2003) sowie den Erzählungen Der Totengräber (1997) und Der Altenpfleger (2011).
Unvergängliche Verdienste erwarb sich der Wunderhorn Verlag in Heidelberg mit der Veröffentlichung von Johann Lippets vorbildlich sachlicher Dokumentation Das Leben einer Akte. Chronologie einer Bespitzelung, die rechtzeitig erschienen ist zu der im Dezember 2009 vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München (IKGS) in München organisierten internationale Tagung Deutsche Literatur in Rumänien im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten, bei der unter anderem die Tätigkeit des ebenfalls 1951, in Horia gebürtigen Banater Dichters Werner Söllner als Informeller Mitarbeiter (IM) des Geheimdienstes Securitate öffentlich aufflog.
Früh schon hat Johann Lippet das Schreiben für sich als eine existenzielle Rückkehr nach Wiseschdia begriffen. In seinem Buch Beziehungsweise(n). Gedichte & Geschichten (2021) bekannte er nüchtern schon auf dem Klappentext:
Ich kehre immer wieder zurück. Wie der Täter an den Tatort. Der Vergleich hinkt, ich weiß, es fühlt sich aber so an… In Gedanken bin ich in den letzten zweiunddreißig Jahren immer wieder zurückgekehrt, und das zählt.
Doch dieses ununterbrochene Da- und Dortsein hatte seinen Preis. Sein Gedicht »Düstere Aussicht« habe ich – nach einem langen Gesprächsabend bei ihm in Sandhausen und der Frage an ihn, wie geht’s literarisch weiter, als eine Art Schlüsselgedicht in mir gespeichert, denn es behandelte genau seine damalige Antwort auf meine Frage und lässt uns tief blicken in seine Biographie, seine Motivation sowie in die Bedeutung des Schreibens für ihn:
Zeitlebens unterwegs gewesen,
das Ziel jedoch war oftmals fremdbestimmt,
bereits als Kind eine diffuse Ahnung davon gehabt,
als Jugendlicher an dem bedrückenden Gefühl
fast zerbrochen, bis ich dann endlich
den Mut aufgebracht, aufzubegehren, mich gegen Zwänge zu wehren durch Schreiben.
Es gab mir, trotz manchen Ungemachs,
Kraft, Zuversicht, wurde mein treuer Begleiter,
niemand und nichts konnte mir jemals wieder
das Gefühl von Freiheit nehmen,
doch nun bin ich an einem Punkt an gekommen,
wo mir beklommen zumute ist, denn ausgerechnet
das Schreiben, einst Garant meiner Freiheit,
wird mir allmählich zur Last.
Diese Zeilen beschreiben eine tragische Paradoxie, deuten eine existentielle Krise an, in der die eigene Identität und das wichtigste Ventil für Freiheit verloren zu gehen drohen. Die Beklommenheit entsteht, weil das letzte und treueste Werkzeug der Selbstbestimmung versagen könnte. Diesen »toten Punkt« zu überwinden, ist ihm dank seiner Beharrlichkeit gelungen. Es folgten weitere Gedichte, Geschichten, Romane.
Wer im Rumänien der Ceaușescu-Diktatur die Wirklichkeit unzensiert beschrieb und die Ausfransungen beim Namen nannte, der geriet unweigerlich ins Fadenkreuz der Macht. In seinem erschütternden Dokumentationsband Das Leben einer Akte. Chronologie einer Bespitzelung durch die Securitate (2009) kehrte Lippet den Spieß um. Er machte die Akte der Geheimpolizei Securitate selbst zum literarischen Gegenstand und entlarvt die absurde, paranoide und zerstörerische Maschinerie der Überwachung. Wo Informanten und kriminelle Verräter in literarischen Texten Phantome jagten und Verse nach versteckten Subversionen durchkämmten, antwortete Lippet Jahrzehnte später mit der radikalen Offenlegung der Bürokratie des Terrors. Er lieferte mit der Akte ein bedeutendes zeitloses Zeugnis über die Drangsalierung rumäniendeutscher Schriftsteller, das weit über die eigene Biografie und die Folgen der Verfolgung hinausweist. Auch nach seiner Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland im Sommer 1987 blieb das Banat mit seiner wechselhaften Geschichte und farbigen Geschichten die Lebensaufgabe des Schriftstellers Lippet. Er suchte dabei keine Abrechnung mit dem Regime, das uns ins Exil drängte, auch nicht mit der zuweilen konservativ verschrobenen, auch mitunter unerbittlichen Dorfgemeinschaft, sondern Klarheit.
Nun hat sich am Abend des sonnigen 5. Oktobers 2026 der Vorhang für den einstigen Dramaturgen des Deutschen Staatstheaters Temeswar endgültig geschlossen. Die Lichter sind gelöscht, die Bühne ist verlassen, der Saal leer. Was aber in den Bücherregalen vieler Literaturinteressierter bleibt, das ist ein umfassendes, ja monumentales Werk über die banatschwäbische Dorfwelt, eingebettet in historische Hintergründe, Land-Wirtschaft, Traditionen, Brauchtum und starke Familiengeschichten, wie sie in seinem Hauptwerk Dorfchronik zu einem ausgedehnten Panorama aufgefächert sind.
Johann Lippets breites und sachliches Wissen über die Geschehnisse im Banat und die von großem Interesse des Autors für die detailfreudigen Biographien seiner Landsleute verleiteten ihn immer wieder zu weitausholenden Beschreibungen und Erzählsträngen, zu tiefschürfenden Abhandlungen nicht nur von literarischem, sondern auch von dokumentarischem Wert. Genauigkeit und stimmige Details wogen dabei schwer auf seiner Waage. Und stieß er in anderen Büchern auf oberflächliche, gar schiefe Behauptungen oder unstimmige Fakten, konnte er ziemlich ungemütlich werden. Der an und für sich umgängliche und sanfte Erzähler erhob dann durchaus streitbar seine Stimme.
Es ist keineswegs übertrieben, sein literarisches Werk als ein »Schutzwall gegen das kollektive Vergessen« der Drangsalierungen, Deportationen und sonstigen Gegebenheiten der banatschwäbischen Existenz, auch der Landschaft und der Gepflogenheiten zu bezeichnen sowie des Lebens und Sterbens im Banat (man lese sein großartiges Buch Der Totengräber).
Inmitten der »Düsteren Aussicht« und der historischen Bruchlinien des 20. Jahrhunderts schenkte uns Johann Lippet schlussendlich eine unerschütterliche Gewissheit, die er einst selbst in die Verse diktierte: »bleibe bei mir zuversicht«! Fakt ist, wie es auf der vorletzten Seite seines Muster-Poems heißt, »wir werden von diesem herbst an / neu beginnen«, über die literarische Hinterlassenschaft Johann Lippets nachzudenken, darüber zu debattieren und uns an seinen Gedichten, Erzählungen und Romanen durch neue Einsichten bereichern. Er ruhe in Frieden!
Horst Samson, Siebenbürgische Zeitung, 12.10.2026
Nachrufe
Horst Samson: Die weißen Seiten der Freiheit: Johann Lippets Leben für und zwischen den Zeilen
Siebenbürgische Zeitung, 12.10.2026
Gedenktage
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Luzian Geier: Dichter, Geschichtenerzähler, Romancier
Siebenbürgische Zeitung, 18.1.2021
Luzian Geier: Schriftsteller-Chronist seiner Gemeinschaft
Deutsche Zeitung, 22.1.2021







