
Der das Dröhnen nicht kannte
– Harald Hartung war einer der wichtigsten Lyrik-Rezensenten in Deutschland. Ein Nachruf. –
Angst habe er früh gekannt, hat er einmal gesagt, aber nicht die vorm schwarzen Mann. Harald Hartung kam Ende Oktober 1932 in Herne zur Welt, sein Vater gehörte zu den schwarzen Männern, die aus dem Schacht der Zeche »Friedrich der Große« ans Tageslicht stiegen. Das Angstreservoir war in der Kindheit seiner Generation der Krieg. Noch im Alter wird er in einem Gedicht, in dem die andern auf den Balkon treten, um mit dem neuen Jahrhundert das neue Jahrtausend zu begrüßen, im Schlaf zum Schuljungen, der die Dicke Berta anhimmelt, ein schweres Geschütz.
Die Spannung in Hartungs Lyrik wie in seinen Essays entsteht aus dem Zugleich von unbeirrbarer Suche nach den Aufschwüngen und Epiphanien der Poesie und dem Respekt vor der Gravitation, der Erdenschwere des alltäglichen Lebens. Früh begann er Gedichte zu schreiben, studierte, hatte als junger Mann Gottfried Benn und Paul Celan vor Augen. Er entging der Gefahr des Epigonismus, indem er die Lyrik von William Carlos Williams entdeckt, dem Landarzt aus Rutherford bei New York, und von Philip Larkin, dem englischen Bibliothekar, der den Jazz liebte. Bei Williams, der eine Pflaume im Kühlschrank zum unvergesslichen Bild machen konnte, und bei Larkin, der festhalten wollte, was er sah, fühlte, dachte, fand Hartung auf dem Weg zu sich selbst den »Blick für das gewöhnliche Licht, das Licht der Gewöhnlichkeit«.
Er wurde Lehrer im Ruhrgebiet, später Hochschullehrer in Berlin an der Seite von Walter Höllerer, und gehörte zu den Schutzgeistern des Literarischen Colloquiums am Wannsee. Und er wurde zu einem der Rezensenten von Lyrik in der Bundesrepublik, vor allem in der FAZ, sichtete in Büchern wie Masken und Stimmen den Formenschatz der lyrischen Tradition, erläuterte die Zauberkünste der Metrik und des Silbenzählens. Sein Meisterstück wurde der Band Luftfracht. Internationale Poesie 1940–1990 in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Anderen Bibliothek.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass er so gern Gedichte über den Schnee kommentierte und selbst welche schrieb. Schneeflocken in einem Gedicht sind Anschauung gewordenes Zugleich von Leichtigkeit und Gravitation. Sehr laut sind sie nicht, sie passten zur Stimme Hartungs, die das Dröhnen nicht kannte. Wie die Begabung zum Sekundenschlaf war ihm Witz gegeben. Er kam viel durch die Welt, von Herne aus. In der »vergessenen Zeile«, die einem seiner Gedichte den Titel gibt, ist der Tod anwesend und abwesend zugleich. Das Gedicht endet mit der unbeantwortbaren Frage nach seiner Ankunft. Am 13. September ist Harald Hartung im Alter von 92 Jahren gestorben.
Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung 17.9.2025
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Gedenktage
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Nico Bleutge: Langsamer Träumer
Stuttgarter Zeitung, 29.10.2002
Walter Helmut Fritz: Das Ziel kommt zu dir
Badische Zeitung, 29.10.2002
Jörg Plath: Ruhe unterm Riesensegel
Der Tagesspiegel, 29.10.2002
Zum 80. Geburtstag des Autors:
Felicitas von Lovenberg: Von Wurzeln und Flügeln
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.10.2012
Zum 90. Geburtstag des Autors:
Andreas Platthaus: Bei ihm müssen es keine Fixierungen sein
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2022
Hannes Krauss: Harald Hartung schreibt Gedichte, um verstanden zu werden
Westfälische Rundschau, 29.1.2022









