Solitär aus dem Osten

Solitär aus dem Osten

Mit achtzehn »eingezogen« und alsbald an die Front geschickt, gehörte Cibulka einer Generation an, deren Jugend nahezu komplett dem Krieg zum Opfer fiel. Den musste er von Anfang bis Ende mitmachen, in Russland wie Italien, Gefangenschaft folgte. Als er endlich freikam, war von »Heimkehr« keine Rede: Dem Deutschen aus dem mährisch-schlesischen Grenzland war die Rückkehr ins heimatliche Jägerndorf am Altvatergebirge verwehrt. Es ging, auch beruflich, um völligen Neubeginn. Dieser glückte am Ende, in Thüringen, wo Cibulka sich dauerhaft in Gotha als Leiter der Bibliothek Heinrich Heine etablieren konnte. Ein äußerlich beruhigtes Leben schloss sich an, ohne weiteren Szenenwechsel, ohne überraschende Wendungen – gewollt und erwünscht ja wohl nach so vielen Umbrüchen. Alle nennenswerte Bewegung schien nun ins Innere verlegt, es war die geheime Unruhe eines für immer Aufgestörten – Zeugnis dessen wurde Cibulkas literarisches Werk.

Das erste Buch des bereits über Dreißigjährigen war ein Gedichtband, und zumal als Gedichtautor fand er bald wachsende Anerkennung und Resonanz. Mochte dann späterhin der Prosaist mehr und mehr Interesse auf sich ziehen – Ausgangselement und Zentrum von Cibulkas Produktivität ist wohl immer das Lyrische geblieben: Schon im Krieg, 1941, »südlich von Kiew«, waren Gedichte entstanden, die den Schrecken der Zerstörung und Todesnähe in Worten beizukommen suchten. Und jetzt wollte sich in Gedichten der fortdauernde Schmerz über den Heimatverlust aussprechen. Die tiefvertraute Kindheits- und Herkunftswelt mit ihren kleinen Städten und Dörfern, den ehrwürdigen Bild- und Bauwerken samt ihrer religiösen Symbolik – sie wurde poetisch-anschaulich stets von neuem beschworen: die ganze Landschaft, »in der man geboren war«, deren »Rhythmus« man immer noch in sich »schwingen« fühlte. Sie umfasste mehr als das naturhaft Gegebene, sie enthielt immer auch »beheimatend« das kulturell geschichtlich Gewordene. Landschaft in diesem emphatisch-umfassenden Sinne mochte es sein, die Cibulka lebenslang quasi »ersatzweise« suchte, aufsuchte, auch da, wo sie nicht sogleich an die heimatliche erinnerte. Er fand sie, schon in den letzten Kriegsjahren im italienischen Süden, auf Sizilien, noch vor der Landung der Alliierten 1943, dann in Umbrien, später auch im so ganz andersartigen Norden Deutschlands, auf Hiddensee und Rügen, sowie mit wachsender Einfühlung im »Thüringischen«, in der anmutigen Gegend um die Dornburger Schlösser etwa, am Hörselberg oder am Hang des Thüringer Waldes.

Cibulka war indessen – als Gedicht- wie als Prosaautor – nicht der Mann des einen Themas – die stattliche Reihe seiner Lyrikbände zeugt von staunenswerter inhaltlicher Vielfalt: Knappe, äußerst eindringliche Porträts vergegenwärtigen skizzenhaft, aber genau charakterisierend bedeutsame historische Gestalten, meist Musiker. Doch auch das traditionell unmittelbar Gefühle aussagende persönliche Erlebnisgedicht ist mit eindrucksvollen Beispielen vertreten. Cibulka hat, etwa zu den Urthemen Liebe und Tod, gerade hier überraschend schlicht-bewegende Töne gefunden. Und sehr wohl öffnete Lyrik sich bei ihm stets von neuem der Gegenwart, den bedrängenden, bedrohlichen Entwicklungen der Zeit.

Keineswegs zuletzt befragte Literatur sich hier selbst nach ihren aktuell verbleibenden Möglichkeiten. In der Auseinandersetzung mit den revolutionierenden Ergebnissen moderner Wissenschaft wurde die Auflösung ins immer Abstraktere deutlich: Cibulka erkannte beunruhigt das Unerlebbare einer zur Formel gewordenen »Realität«. Wie ließen sich in dieser Lage Echtheit und Kraft lebensvoll-anschaulicher Sprache bewahren? Hier vor allem schien die Chance von Lyrik, Poesie zu liegen, von Literatur überhaupt, die mehr sein wollte als bloße Information:

Im Gedicht findet die Sprache zu sich selbst zurück. Sie bricht aus dem Gefängnis aus, in das wir sie täglich verbannt haben.

So heißt es geradezu proklamatorisch schon beim jüngeren Cibulka. Die Befreiung, meinte er, gipfele, vollende sich im »poetischen Bild« – er setzt es gegen die simple Beschreibung, nicht unähnlich einem Handke: »Das Bild muss leuchten, einleuchten, den Leser sehend machen«, es soll wieder »Botschaft« sein. »Aus dem Sinnlichen kommend«, soll es dieses transzendieren:

Hier darf der Dichter die Grenzen überschreiten, die dem logischen Denken gezogen sind.

Cibulkas eigene Verse ließen anfangs die „klassischen“ Vorbilder deutscher Tradition erkennen: Hölderlin, Platen, Rilke, auch Trakl. Unter dem Einfluss der internationalen Moderne eines Ungaretti, Montale, Ezra Pound kam es jedoch schon bald zum Verzicht auf metrische und strophische Zwänge und die Geläufigkeiten des Reims. Freie Rhythmen, der ›vers libre‹, sollten Unmittelbarkeit der Aussage und maximale Konzentration bewirken. So gelangte Cibulka zu einer höchsteigenen Verssprache, die äußerste Knappheit mit gesteigerter Intensität verband. Daraus gingen Gedichte hervor, von denen nicht wenige den bleibenden Lyrik-Leistungen (gesamt-)deutscher Nachkriegsliteratur zuzurechnen sind.

Die insgesamt stärkere Breitenwirkung erzielte Cibulka freilich mit seinem Prosawerk, das ohnehin mehr und mehr Gewicht gewann: Nach – erzählerisch ausgestalteten – Aufzeichnungen aus Krieg und Gefangenschaft sowie stark lyrisch geprägten Reisebildern aus Umbrien erkannte er im Tagebuch die ihm gemäße Form literarischer Prosa. Er entwickelte einen spezifischen Stil diaristischer Notate, die, scheinbar zwanglos, doch nicht zufällig, schilderndes Darstellen und kritische Reflexion vereinten und so, reizvoll produktiv, unversehens neue An- und Einsichten ermöglichten. Obwohl es in Texten dieser Art keinerlei durchgängige Handlung gab, erschloss sich auf ungeahnte Weise eine größere Welt: »In vielen Schichten« wird »hier das Leben empfunden und gedacht. (…) Unerwartet verändert sich das Bild… Auf jeder Seite eine neue geologische Schicht, getragen von demselben Urgestein.« Die anschauliche Formulierung findet sich bei Cibulka selbst, in Sanddornzeit, dem ersten seiner »Ostseetagebücher«. Hier wie fast immer steht am Anfang der Ortswechsel: Ein Aufenthalt in andersartiger Umgebung beginnt, fern vom Gewohnten, Geläufigen des Alltags – etwa an der Ostsee, auf Hiddensee oder Rügen, doch oft auch »nur« innerhalb des heimischen Thüringen (Dornburg, Großkochberg). Von hoher Bedeutung bei solcherart »Ausstieg« ist das jeweilige Landschaftserlebnis. War es bisher der Süden Italiens gewesen, der den bestimmenden Hintergrund bildete, so hatte der Tagebuchschreiber an der deutschen Ostseeküste sich anfangs auf eine eher als fremd empfundene Szene einzustellen. Mit zunehmender Faszination jedoch wurde das Eigenwertig-Besondere dieser nördlicheren Welt gebührend wahrgenommen und nachgezeichnet: Cibulkas Hiddensee-Schilderungen gehören zum Schönsten und Eindrucksvollen, was über die Insel geschrieben worden ist. Von Juli bis Oktober dauert die Sanddornzeit, rund ein Vierteljahr, das der Autor in bewusster, konzentrierter Selbstbeschränkung ausschließlich hier verbringt. Es ist eine Zeit fase völligen Alleinseins – Alleinseins auch mit den eigenen Erinnerungen, Phantasien und Träumen.

Zehn Jahre später konnte Cibulka Swantow herausbringen, das als einziges der »Ostseetagebücher« nach Rügen führt. Swantow ist ein kleiner, abgeschiedener Ort unweit der Südküste, eine Stätte der Stille und äußeren Beschränkung wie (damals) Hiddensee, ansonsten freilich unvergleichbar. Der Tagebuchautor – er hat hier einen Fremdnamen – kommt diesmal nicht allein, sondern in Begleitung einer Partnerin Liv, die ihn in das einstige Haus ihrer Großeltern eingeladen hat. In drei Sommermonaten ist man vielfach unterwegs auf Rügen – geheimer Mittel- und Ruhepunkt bleibt jedoch Swantow, eine Mini-Ausstiegswelt, ein Freiraum, in dem Abstand zu gewinnen ist zum Leerlauf »normaler« Alltäglichkeit. In Swantow erst wird spürbar, wie sehr man sich im Funktionsgefüge einer durchrationalisierten Gesellschaft vom Ziel eines selbstbestimmten Lebens entfernt hat. Darüber hinaus weitet sich der Blick ins Grundsätzliche politischer Zeitkritik. Und wo auch auf Rügen die Landschaftsschönheit beeindruckend beschworen wird, lässt sich kaum übersehen, wie bedroht und gefährdet sie ist. So brachte denn Cibulka, wohl als erster unter ostdeutschen Autoren, die zunehmenden schweren Umweltschädigungen zur Sprache und sparte die DDR dabei keineswegs aus. Die Staatsmacht reagierte wie gewohnt mit Zensur und Repression, konnte indes die Verbreitung des Textes nicht verhindern, beförderte sie derart sogar: Swantow wurde Cibulkas Buch mit der stärksten Wirkung, bis weit in die »grün«-alternativ, auch christlich-pazifistisch gestimmten Milieus hinein.

Im Wechsel mit den »Ostseetagebüchern« ließ Cibulka seine »Thüringer Tagebücher« erscheinen (Dornburger Blätter, Liebeserklärung in K). die dann am Ende dominierten. Mit Wegscheide, dem wohl wichtigsten darunter, setzte er die gezielten Angriffe von Swantow fort, steigerte sie nun aber zur Fundamentalkritik einer ganzen Epoche. Als Bibliotheksleiter aus Altersgründen mittlerweile ausgeschieden, gewann er vollends kritische Distanz zu den Fehlentwicklungen der Gegenwart. Auch der längerfristige Tagebuch-»Ausstieg« war nun möglich – und dies in relativer Nähe: in der jüngst erworbenen Finnhütte in Tarnbach am Thüringer Wald. Wegscheide fixiert die Notate eines solchen »Ausstiegs« im Jahreslauf von März bis Dezember. Abermals geht es um Konzentration auf das Eigene, doch deutlich genug auch um allgemein geistigen »Richtungswechsel« – weg vom alles beherrschenden Machbarkeitswahn, hin zu den mäßigenden Gegenkräften des Innern, des Spirituellen, ja Metaphysischen. Schon immer waren entsprechende Tendenzen bei Cibulka spürbar gewesen, nun brachen sie sich endgültig und machtvoll Bahn. Der Finnhüttenbewohner entdeckte Meister Eckhart für sich, den großen Mystiker des Mittelalters, geboren in der Nähe von Gotha, Prediger in Erfurt – ihn begeisterte die Denktiefe solcher Religiosität, jenseits aller kirchlichen Dogmatik, und er sah in ihm auch einen »Radikalen«, dem »Sein« mehr bedeutete als »Haben«. Er erkannte die zeitlose Verwandtschaft mit östlichen Weisheitslehren, auch denen des Buddha oder Laotses, die ihn früh schon beschäftigt hatten. War nicht von derlei Orientierungen vielleicht die große Umkehr zu erhoffen, mit der sich die drohend näherrückende globale Katastrophe verhindern ließe?

Das jähe reale Wendegeschehen von 1989 erlebte Cibulka als unverhofft befreiende Eruption von elementarer Kraft und Wucht – aus dem dann aber doch nicht, wie erhofft, etwas grundlegend Neues hervorging:

Wir sind das Volk! Nur für ein paar Tage wurde die Utopie Wirklichkeit, sie war in jenem Herbst Anfang und Ende zugleich.

Cibulka bedauerte, dass es keine basisdemokratischen Lösungen gab, dass die Gespräche am Runden Tisch nicht fortgeführt wurden, die dem Osten Deutschlands seinen eigenen Weg hätten eröffnen können. Freilich erwartete er ohnedies nicht mehr viel von einem bloß politischen Systemwechsel, bei dem die entscheidenden Fragen menschlicher Zukunft unbeantwortet blieben. Er meinte auch den »Westen« in einer tiefen Sinnkrise zu sehen, ihm schien – wie er später zuspitzend sagte – eine »Ironie« darin zu liegen, dass »die Ostdeutschen sich einer Gesellschaft angeschlossen« hätten, »die selbst einer Wende bedarf«. Cibulka bewahrte seinen Weitblick und seine denkerische Unabhängigkeit auch in gewandelten Verhältnissen. Er bezog wieder die Position des Wegscheide-Autors in der Finnhütte auf dem »Hög« in Tarnbach am Thüringer Wald. Wie zu DDR-Zeiten übte er Kritik, wo es ihm zwingend notwendig erschien, durchaus politisch, mehr noch: allgemein ideell. Cibulka blieb, bis zu seinem Tode 2004, wie er selbst es forderte: der leise, doch nachdrückliche »Rebell« wider den stagnierenden »Zeitgeist«, er blieb der Einzelgänger, Poet und Künstler von Rang, ein »Solitär« (FAZ) aus dem Osten. Er ist, dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung, gesamtdeutsch neu zu entdecken.

Heinz Puknus, Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen, Heft 71, 2020

Lebenslauf

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + IZAKLG + Kalliope

Gedenktag

Zum 10. Todestag des Autors:

Heinz Puknus: Vor Zehn Jahren starb Hanns Cibulka – Gedenkstunde in Gotha
Thüringer Allgemeine, 20.6.2014

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Hans-Dieter Schütt: Wie das Dunkel leuchtet
nd, 19.9.2020

Hans-Dieter Schütt: Der Langsamgeher
Thüringische Landeszeitung, 17.9.2020

Heinz Puknus: Hanns Cibulka zum 100. Geburtstag
Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen, Heft 71, 2020