Eine kleine Menschenhöhe

Eine kleine Menschenhöhe

Seit seinen literarischen Anfängen hat der Dichter Gregor Laschen die »Wanderung der Steine« beobachtet, ihre Naturgeschichte und ihre Metamorphosen. Steine waren für ihn nicht nur die primäre Erscheinung sinnlicher Materie, sondern auch Talismane, die vor Übeln aller Art bewahren konnten. Als er vor einigen Jahren an Krebs erkrankte, verschickte er, selbst schon schwer gezeichnet, einen dieser Steine an einen Freund, der dem Krebstod gerade entronnen war. Der »Engel der Steine« ist ein zentrales Motiv bereits in seinem bei Hanser 1983 erschienenen Debütband Die andere Geschichte der Wolken, mit dem sich der 1941 in Ueckermünde in Vorpommern geborene Autor auf Anhieb als einer der bedeutendsten Exponenten der sprachmagischen Dichtungstradition profilierte. Laschen hatte 1970 mit einer bahnbrechenden Arbeit über die Gegenwartslyrik der DDR promoviert und arbeitete ab 1972 drei Jahrzehnte lang als Hochschullehrer für Neue deutsche Literatur in Utrecht. 1988 erfand er mit der Reihe Poesie der Nachbarn im Künstlerhaus im pfälzischen Edenkoben das erste europäische Poesie-Übersetzungsprojekt, das bald für ähnliche Unternehmungen zum großen Vorbild wurde.
Seine eigene Dichtkunst, die ihren Gipfelpunkt im Band Jammerbugt-Notate erreichte, für den er 1996 mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet wurde, hält mit einer emphatischen Innigkeit an einem Wahrheitsanspruch fest, sie berührt die tragischen Dispositionen unserer Existenz und zeigt die Dinge in einer »fremden Nähe«. Diese einsamen Gedichte gehen nicht den Weg der kommunikativen Ansprache, sie sprechen in dunkel-elegischen Konfigurationen, die Anklänge herstellen zu wahlverwandten Dichtern wie Erich Arendt oder Ernst Meister – oder zum späten Hölderlin. Von diesen großen Vorbildern hatte Laschen gelernt, dass ein Gedicht nur dann Eindringlichkeit entwickeln kann, wenn es einen Rest von Dunkelheit bewahrt. Der Glaube an das poetische Energiefeld der Sprachmagie ist auch in dem großartigen Gedicht »Sprachrohr (›Revolte‹)« lebendig, das Laschen als leidenschaftlichen Gegengesang konzipierte gegen die Sprache der Macht. Seine große poetische Vision von der »Menschenhöhe im Eis«, die »brennt« und von den »hellen Flügeln des Denkens« – das waren starke Metaphern für die verändernde Kraft der Dichtkunst: »Es steht / eine kleine Menschenhöhe in der beschlagenen / Sprache und brennt.« Am vergangenen Samstag ist der Dichter Gregor Laschen in einem Pflegeheim im Alter von 77 Jahren gestorben.

Michael Braun, Badische Zeitung, 5.7.2018

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