Allzu schneller Rücklauf

Allzu schneller Rücklauf

Mit betrügerischer Leichtigkeit und ahnungslos sind Gert Jonke und ich einander (vor Jahren) ein letztes Mal begegnet. Im einem Zug der Westbahn, zwischen Linz und St. Pölten (Orte, die er nicht erfunden hat. Sonst hat er aber alles erfunden), ich war eingenickt und bin aus dem Leichtschlaf hochgeschreckt, da habe ich ihn durch die gläserne Abteiltür hindurch gesehen. Es traf sich irgendwas, das noch außer mir war (ich war noch nicht ganz da, aber auch nicht ganz weg, habe den Gert aber sofort erkannt), er war nicht außer sich, außer mir hat er niemanden dort im Abteil gekannt, mußte er auch nicht, es war ohnedies alles von ihm, alles war von ihm erfunden; ich wollte aufstehen und zu ihm hinaus auf den Gang, und er hat gesehen, daß ich etwas ver-rückt bin, noch nicht ganz in der Wirklichkeit, und er hat eine begütigende Bewegung gemacht: Schlaf weiter! Jetzt schläft er, sehr viel weiter. Ich habe ihn seither nicht mehr wiedergesehen. Aber bei ihm hat man sich ja immer sofort in seine Dimension hineinkatapultiert gefühlt, und so erscheint dieses Treffen wie mitten in seiner Dichtung angekommen, nur hatte das Leben in diesem Fall keine Zeit, die Dichtung auch fortzuführen, und die Dichtung hatte fürs Leben dann auch keine Zeit mehr. »Wir haben uns sofort erkannt«, schreibt er in Freier Fall, alles weitere, was er danach schreibt, stimmt nicht, sage ich, als Teil seiner Dichtung, als von ihm bloß erfunden (er hatte keine Zeit mehr mich auszuradieren), denn wir sind uns zwar »immer nur ganz kurz begegnet«, also dieses eine Mal jedenfalls nur so kurz, aber unsere Augen haben einander nichts versprechen müssen, denn wir waren ja sicher, daß wir einander schon wieder mal begegnen würden, und zwar nicht um einander »ganz genau zu treffen, und vielleicht hinkünftig gemeinsam weiter und so«, es wäre über ein Einander so vieles zu sagen, doch der Film ist von Linz nach St. Pölten und dann weiter nach Wien gelaufen, gerannt – rette sich, wer kann, wer nicht kann, der halt nicht –, und so haben wir einander (ungerettet, erfunden, ausgedacht, verlorene Fassungen, die außerdem noch verworfen worden sind), nicht mehr gesehen. Der Film ist gelaufen, ohne sich in Sicherheit bringen zu können, und dann ist er (das kommt natürlich auch vom Gert) rasend schnell zurückgespult worden, der ganze Film wurde wieder zurückgesogen, in den Vorführapparat zurückgerissen, der ihn am Ende geschluckt hat, aber so, daß die Zuschauer deprogrammiert worden sind, der Film, der vorhin noch wie Haar vom Kopf auf die Schultern gefallen war, ist in ihnen, den Zuschauern, durch das Rückspulen sozusagen weggelöscht worden, sodaß manche am Schluß an der Kasse ihr Geld zurückverlangt haben, wie der Dichter berichtet; sie hatten eine Kinokarte gekauft, aber sie hatten ja nichts gesehen, obwohl sie alles gesehen hatten, was bloß in ihnen nachträglich wieder zerstört worden war. Doch sie hatten nicht einfach vergessen, was sie gesehen hatten, es wurde in ihnen gelöscht dadurch, daß der Film zurückgefahren, rückwärtsgelaufen ist. Ein Akt des nachträglichen Verschwindens, obwohl das Verschwundene doch eben noch da war, wie im Traum, der vom Erwachen gelöscht wird. Er war da, der Traum, und manchmal erinnert man sich und manchmal eben nicht. Man weiß, man hat geträumt, aber alles, was sich dabei abgespielt hat, ist im Aufwachen deprogrammiert worden; diese ganzen, oft sehr aufregenden Geschichten, die da in den Kopf projiziert wurden, sind vom Wachzustand aufgefressen worden. Manche von ihnen durften, wahllos aus dem endlosen Vorrat an Gehirnfilmen, eine Weile weiter Wirklichkeit vortäuschen, andre mußten für immer verschwinden. Es hat sie nie gegeben, weil man sich an sie nicht mehr erinnern kann.

Wir, Gert und ich, sind damals im Zug vorwärts gefahren, keiner von uns hat an ein Fenster gehaucht, um (von der andren Seite her nur in Spiegelschrift lesbar) seine Telefonnummer auf eine mattfeuchte Fensterfläche zu schreiben. Wir hatten beide die Nummer nicht, keiner die vom anderen. Wir waren beide nicht zu erreichen, jedenfalls nicht füreinander und voneinander. Schnell genug mitschreiben: Das wärs gewesen! Aber keiner ist schnell genug, sich dem wahnwitzig schnell rückwärtslaufenden Film, der gleichzeitig alles auslöscht, was in der Zeit nach vorn geschritten ist und Bilder auf die Zuschauer geworfen hat, entgegenzustemmen und den Zug der Zeit wieder nach vorn zu richten, ihm die Wadeln nach vorn zu richten, sodaß man weiß, wohin man geht, aber trotzdem in die andre Richtung läuft, obwohl man gar nicht will. Der Tod ist ein Losfahren. Ein Fahren mit und gegen uns, bis wir in eins zusammenfallen und weg sind. Mehr wissen wir nicht. Keiner kann eine Nummer notieren. Es war alles drin, jetzt ist es weg, obwohl es ganz sicher drinnen war. Gert Jonkes Dichtung hätte sowas mit Leichtigkeit festhalten können, aber für ihn ist das jetzt alles fort, und er ist mit sich mitgegangen. Die Filme, die er gesehen hat, die Sätze, die er eigens ausgebildet hat, damit sie irgendwas können: fort. Das kann ich kaum aushalten, obwohl es normal ist. Gert Jonkes Dichtungen sind kaum auszuhalten, aber normal sind sie nicht. Das war kein Dichter des Normalen, der hat keine Pullover aus Worten gestrickt, die man wieder auftrennen kann. Ihn und mich hat damals nur eine Glasscheibe getrennt, und jetzt trennt uns alles. Aber was er an Sätzen zusammengefügt hat, das ist zwar von ihm getrennt, aber das braucht ihn nicht mehr. Er hat eine Kunst des Selbständigmachens von allem erfunden, ja, genau, erfunden! Ich weiß kein andres Wort dafür. Es ist mehr als Dichtung. Es ist ein Weltmachen, und die Welt macht eh schon dorthin, wo sie hinmachen will, und wir versinken in ihrer Scheiße. Aber wer macht die Welt, die dann wo hinmacht, wohin?

Einer wie Gert Jonke hat das gemacht, und er macht es immer noch, wenn man ihn liest oder auf dem Theater anschaut, wo die Texte dahinrinnen, ohne daß man ihnen Staumauer oder Glasscheibe oder Luft entgegensetzen könnte. Sie müssen ja auch gar nicht mehr werden, um sich irgendwann zu ergießen und etwas Produktives zu tun, Strom erzeugen zum Beispiel. Weniger können sie gar nicht werden, nicht einmal, wenn sie sich anstrengen. Gert Jonke schafft die Welt, sie kommt einem manchmal bekannt vor (meist nicht), weil in ihr alles möglich ist und auch vollkommen selbstverständlich geschieht, und wenn der Gert jetzt in einer solchen Welt ist, wo alles möglich ist, dann hat er sie gewiß auch noch selber geschaffen. Nur kann sie derzeit nicht rückwärts laufen, weil es ein Derzeit nicht gibt, es gibt nur die Zeit, und die ist jetzt weg. Das ist gut, sonst würde sie möglicherweise sein eigenes Gesagtes vielleicht in uns, in diesem Rückwärtslaufen, wieder auslöschen. Gert Jonke ist also der Dichter, der die Welt gemacht hat, und er ist der Dichter, der auch den Ort für die Welt gemacht hat (Kunststück! Ja: Kunststück. Wo er doch alles gemacht hat!), und diesen Ort kann nur er selbst benennen, er benennt also und benennt, aber wir wissen den Namen immer noch nicht, wir wissen nur, was dort geschieht. Weil er es uns sagt. Da geht ein Fremder, den ich zufällig kenne, in einem nach vorn fahrenden Zug (nein, rückwärts fährt er nicht, oder vielleicht doch? Vielleicht ist dieses Vorwärtsfahren ja in Wirklichkeit ein Rückwärtsfahren, und ich merke das nur nicht?) am Gang an mir vorbei, wir treffen uns kurz, einen Augen-Blick, denn nur unsere Augen treffen einander, er deutet mir begütigend, und das muß man wörtlich nehmen: gütig, in seiner Güte deutet er mir, weil er mich nicht ganz aufwecken will, ich soll weiterschlafen. Gegen ihn, der in Fahrtrichtung weitergeht, wahrscheinlich in den Speisewagen, wo aber die Leute gefressen werden anstatt selber zu essen (so würde es bei ihm wahrscheinlich weitergehen, hätte er darüber geschrieben), bleibe ich picken, bleibe ich an meinem Platz, von dem ich, schlaftrunken, nicht wegkomme. Das ist vielleicht das Bild: Wir bleiben schlaftrunken kleben, während er längst woanders zusammenkommt, mit allem, was er sich gedacht hat, und damit wird er in drei Leben nicht fertig werden, es sei denn, das alles würde in rasendem Lauf rückwärts gespult werden, und er selbst könnte sich dabei vergessen. Hat sich da etwa einer vergessen? Nein, und wenn, dann der Falsche. Das Vergessen kann in diesem Fall nicht möglich sein. Soviel, wie er sich ausgedacht hat, kann nicht gelöscht werden, in keinem, nicht einmal in ihm, nicht einmal jetzt, da er tot ist. Was aber auch nicht sein kann, wo doch soviel von ihm da ist. Mehr als er je hätte sein können, er hat sich ja mehr ausgedacht, als je einer hätte in sich sein können. Von irgendwo muß er es ja herhaben! Aber von wo? Er war zu mehreren. Soviele Leute wie er hätte man nie treffen können, man müßte sich in Gruppen versammeln, um einen wie ihn zu erwischen. Es ist durch ihn hindurchgegangen, das mußte es wohl, denn in einen allein hätte gar nicht soviel hineingehen können wie wieder herausgekommen ist.

Elfriede Jelinek, manuskripte, Heft 183, März 2009

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Gedenktag

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Karin Waldner-Petutschnig: Von der Füllfeder als Aussichtsturm
Kleine Zeitung, 6.2.2021

Hedwig Kainberger: „Halt den Mund!, sagt mein Mund“
Salzburger Nachrichten, 7.2.2021