Wer hurt hinaus durch Nacht und Wind…

Wer hurt hinaus durch Nacht und Wind…

– … es ist Allen Ginsberg, wenn er singt. Zum 100. Geburtstag des Beat-Poeten, der unserer Zeit viel zu sagen hat. –

Vielen Dichterinnen und Dichtern dieser Tage bereitet diese Frage Kopfzerbrechen: »Amerika wie kann ich in deinem törichten Ton eine heilige Litanei schreiben?« Ein Präsident zertrampelt in elefantösem Gestus alles, woran der Westen lange geglaubt hat. Und unversehens erscheinen Verse des vergangenen Jahrhunderts so aktuell wie einst, übrigens sowohl den transatlantischen als auch den östlichen Raum betreffend. Denn »im Kreml & im Weißen Haus / ziehen sich die Intriganten zurück / ihre Intrigen tropfen von ihnen ab«.

Geschrieben hat diese so hellsichtigen wie scharfzüngigen Zeilen Allen Ginsberg, der am heutigen Mittwoch vor 100 Jahren geboren wurde. Also mitten hinein in eine Epoche der Umbrüche. In der der Autor und seine Gesinnungsgenossen, darunter Lawrence Ferlinghetti oder William S. Burroughs, selbst eine eigene schlagkräftige Bewegung begründeten, die Beat-Generation. Derbe Worte wie »Scheiße! Eingeweide kochen im Sandfeuer / widerliches gelbes Hirn kalter Schweiß / Erde aus dem Gleichgewicht kotzen durch / Tränen hindurch«, geben dem Zeitgefühl Ausdruck.

Dabei waren die Krisen, die dem aus Paterson in New Jersey stammenden Poeten widerfuhren, längst nicht rein politischer Natur. Seine Mutter starb in einer Psychiatrie, als Homosexueller in den 50er und 60er Jahren galt er als Außenseiter. Als Ventil erweist sich allein seine durch und durch provokative Dichtung, für die er sogar kurzzeitig inhaftiert wurde. Nicht nur Fäkalsprache bringt ihm den Ruf des Anrüchigen ein. Auch die Unterwanderung von Hochkultur und Religion lässt den Revoluzzer erkennen.

Goethes »Erlkönig« auf die Schippe nehmend, fragt ein lyrisches Ich:

Wer hurt hinaus durch Nacht und Wind
Wenn einsam die Straßen im Mondschein sind
Ob Jungfer ob Schlampe ob toller Hecht
Wer’s mit mir treibt der ist mir recht

Zur Not muss selbst Gott herhalten:

bitte fick mich Bitte
Herr fahr in mich bis es schmerzt

Radikal mutet auch das Design der Texte an. Stilprägend wurden vor allem seine girlandenhaft ausgreifenden Prosagedichte. Mit ihren Einschüben und Abzweigungen lassen sie an Jazz denken.

Diesen verspielten Freestyle spiegelt sein bekanntestes Gedicht »Howl« (»Geheul«), urgelesen 1955 in dem City Lights Buchladen der Six Gallery in San Francisco.

Ich sah die besten Köpfe meiner Generation, zerstört von Wahnsinn, hungernd hysterisch und nackt,
in der Dämmerung durch die Schwarzenviertel ziehen, auf der Suche nach einem elenden Schuss.

Hier offenbart sich nicht zuletzt seine dionysische Begeisterung für Drogen.

Wie ein einziger Rausch liest sich das furiose Poem über Outlaws, die schmutzigen Straßen von New York und künstlerische Genialität. Die 1961 gemeinsam mit Timothy Leary proklamierte »psychedelische Revolution«, sie erhält hier ihre poetische Form.

Was das Langgedicht darüber hinaus vermittelt, ist die bisweilen unterschätzte, positive Auslegung des Beat, die Jack Kerouac mit dem Begriff beatific (»glückselig«) beförderte. So strebte auch Ginsberg nach dem guten Dasein. »Das Gewicht der Welt / ist Liebe«, schreibt er. Und fand das gute Leben nicht nur im Zwischenmenschlichen, bei den Hippies und den pazifistisch Gesinnten, sondern überdies auf seinen Reisen, allen voran durch Indien, Japan und Vietnam. Er tauschte sich mit dem Dalai Lama aus und fand im tibetischen Mönch Trungpa den Lehrmeister für sein »Buddha consciousness« (»Buddha-Bewusstsein«).

Munter vermischt er es mit christlichen Elementen zu seiner persönlichen Kunst- und Hoffnungsreligion. »Ich bin mit dir in Rockland«, preist er den Herrn, »wo du die Himmel über Long Island spalten wirst und dein lebendig menschlicher Jesus Christus aus dem übermenschlichen Grab ersteht / Ich bin mit dir in Rockland wo fünfundzwanzigtausend verrückte Genossen gemeinsam die letzten Verse der Internationale singen«. Der Allvater, mit dem er gerade noch kokett in die Kiste steigen wollte, als Wegbereiter eines linken Friedensaktivismus?

In der Poesie geht das, besonders wenn sie so ekstatisch ausfällt und jedwede bürgerliche Konvention sprengt. Nicht ausgeschlossen ist, dass sich hier und da sogar ein hymnisches Pathos Raum bahnt und der proletarische Ton für einen schönen Traum in den Hintergrund gerät. Freude und Herzlichkeit sollten dann die Welt verzücken, könnten diese Zeilen wahr werden:

Ich will auf deine Gartenparty in den Wolken wo wir alle nackt
auf Harfen spielen und einander die neueste Lyrik vorlesen

Heute klagen wir, klagt die politische Lyrik in Zeitschriften, Anthologien und Büchern. Völlig zu Recht. Ginsberg wiederzulesen, zeigt aber auch: Aus Angst und Unmut kann der Drang nach vorne erwachsen. Mit seinem freigeistigen Appell »Bleibt leichtsinnig« sind wir gut beraten.

Björn Hayer, Frankfurter Rundschau, 2.6.2026

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Zum 100. Geburtstag des Autors:

Holger Spierig: Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren
Evangelische Zeitung, 28.5.2026
Jüdische Allgemeine, 1.6.2026

Björn Hayer: Wer hurt hinaus durch Nacht und Wind…
Frankfurter Rundschau, 2.6.2026

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Maja Siebrecht: Bildstrecke. Allen Ginsberg gab Amerika einen neuen Ton. Heute wäre der Dichter 100 Jahre alt geworden
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