Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(LXXXVIII)

Im Januar 1904

ist Apollinaire noch Redakteur des Guide de Rentier. Die Redaktionsarbeit macht ihm nicht viel Mühe, wenn er auch den Eindruck eines Börsianers erwecken will. Alle seine Freunde sind Mitarbeiter der Zeitschrift. Apollinaire fährt täglich von Vésinet, wo er noch mit Mutter und Bruder wohnt, an seine Arbeitsstätte. Er bereitet seine vom Rheinland inspirierten Gedichte zur Herausgabe in Buchform vor und findet auch einen Titel, der den Duft der Weinberge des Rheintals atmet, »Le Vent du Rhin« (Rheinwind). Zwei Gedichte dieser Sammlung veröffentlicht er im Festin d’Esope: »La Synagogue« und »Les Femmes« (Die Frauen). Das erste entstand nach einer Bemerkung auf dem Manuskript in »Unkel, September 1901«, am Ende des Monates, an dem das jüdische »Laubhüttenfest« auf den 28. September fiel, das zweite in Honnef im November 1901. In der gleichen Nummer finden wir auch eine Ankündigung, die die Herausgabe des Buches anzeigt, das nie erschien, sondern erst im Jahre 1913 dem Band Alcools als Ganzes einverleibt wurde. Das Festin brachte auch ein mit dem Namen Fortunio gezeichnetes Finanzbulletin und eine Rubrik monatlicher Notizen, die Apollinaire redigierte und offenbar auch schrieb. In der dritten, der Januar-Nummer, bringt diese Rubrik einen interessanten Bericht über ein Wandertheater:

Die Herren Frick, Jean Mollet und ihre hervorragende Gesellschaft werden bald den Pariser Vorstädten ein Schauspiel bieten, dessen Wirkung vielleicht tiefer sein wird als die der lärmenden Zusammenkünfte in verräucherten Lokalen.

Das Theater nannte sich Le theatre social ambulant (Soziales Wandertheater), und zu seinen Gründern gehörte unter andern André Billy, der in seinen Erinnerungen schreibt:

Frau Tola-Dauriant, die Prinzessin Metscherevsky, schrieb ein humanitäres, pazifistisches Theaterstück, Der Ulan…

Der Ulan sollte nacheinander in allen Stadtvierteln aufgeführt werden, mit Begleitworten von Apollinaire, unter der Regie Baron Mollets.

Aber das Stück erblickte nie das Rampenlicht. Apollinaire war von seiner Funktion als Conferencier nicht erbaut, und es scheint, daß die ganze Aktion, wenn auch gut gemeint; irreal war. Der Maler Frick, der das Plakat malen sollte, hielt sein Versprechen nicht, und die Autorin hat das Stück vielleicht nie beendet.

Die Umwelt, in der Apollinaire in Vésinet lebt, ist sehr eigenartig. Eine zweistöckige Villa in einem großen Park mit schönen alten Bäumen und einem Bassin. Der Besitzer, André Royer, konnte sich mit den Adaptierungen nicht abfinden, die die »Comtesse de Kostrowitzki« und ihr Gefährte Jules Weil durchführten. Sie ließ das Bassin verschütten und mehrere Bäume fällen. Royer schreibt darüber:

Als diese Leute meine Villa mieteten, besaßen sie überhaupt keine Möbel. Sie richteten sich erst allmählich ein… Die Frau war groß und mager, ihre Stimme heiser. Sie trank viel reinen Rum und Whisky, in den sie ein wenig Tee goß. Sie schlug den armen Weil. Nie zahlte sie die Miete ohne zu fluchen. – Einmal zeigte mir Weil die Einrichtung der Villa. Das Billiardzimmer von einem riesigen Barockbilliard ausgefüllt und in dem mittleren Rauchzimmer vier zusammenklappbare Spieltische. Man kam sich wie in einem Spielsaal vor…

Apollinaire lebt hier nur aus absolutem Zwang. Während der Woche kommt er nur am Abend, um zu übernachten, wenn er nicht Zuflucht bei einem seiner Freunde findet. In seiner Freizeit wandert er in der Umgebung umher, und diese Wanderungen tragen ihm neue Freundschaften ein. Er besucht Chatou und La Grenouillère, unternimmt lange Spaziergänge am Seineufer.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966