Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(LXXXIV)

In der griechischen Zeitschrift Le Journal de Salonique erscheint »Le Gitane« (Der Zigeuner) und

im September 1903

die Erzählung »La Rose de Hildesheim, die später in Hérésiarque et Cie aufgenommen wurde.

Die Gruppe um Apollinaire und Salmon gibt ihren Plan nicht auf, der sich nun realer herauszukristallisieren beginnt.

»Bald trat unserer Gruppe Baron Mollet bei – später der Dichter Deniker, Symbolist und Lamartinist. Zusammen mit heute bereits vergessenen Leuten begannen wir eine beachtenswerte Stellung einzunehmen. Und so wurde eines Abends Le Festin d’Esope (Das Gastmahl des Äsop) gegründet.

Die Plume genügte uns nicht mehr. Wir hatten kein Geld, Guillaume war Bankbeamter, und mich berief von Zeit zu Zeit der Oberst zur ›grande famille‹ ein. Guillaume wurde Direktor, Jean Mollet Geschäftsführer. Ich, der Redaktionssekretär, stellte die Lokalität zur Verfügung, mein möbliertes Zimmer, 224, rue Saint-Jaques, bei dem wackeren Tapezierer Bezanval. Zweiter Stock. Die Wände des Treppenhauses von oben bis unten mit Bildern Sarah Bernhardts in ihren Hauptrollen bedeckt.

Im Sommer drang das Laub eines Feigenbaumes bis ins Zimmer; zur Tür kein Schlüssel, was einem unserer ersten freiwilligen Mitarbeiter, Jean de Gourmont, gestattete, in verhältnismäßiger Bequemlichkeit auf die sehr weit weg, sehr lange von abscheulichen Arbeiten aufgehaltene Redaktion zu warten.

Im Festin d’Esope hatten wir kein Geld, aber Guillaume versprach uns extravagante Unterstützungen«, schreibt André Salmon in seinen Erinnerungen.

»Diese reduzierten sich schließlich auf den geheimnisvollen albanischen Verschwörer Thrank Spirobeg, alias Spiroberg, aber wir haben unseren künftigen Schatzmeister und Hauptzahler nie zu Gesicht bekommen«, sagt er weiter.

Le Festin wurde anfangs in der rue d’Alsace, in der Nähe des Ostbahnhofs, gedruckt. M. de Beaumont, der Drucker, stimmt mit einigen Ansichten der Autoren nicht überein, trotzdem aber kommt er ihnen entgegen.

Das ganze Kollektiv bringt die Auflage der Revue von der Druckerei nach Neuilly, von dort werden die Pakete nach Paris expediert. Die Distribution an die Buchhändler besorgt Baron Mollet.

»Er mietete eine Droschke, lud die Pakete im braunen Umschlag auf, setzte mich auf die Polster neben sich« – so schildert André Billy den ganzen „administrativen Apparat« der heute äußerst seltenen Revue, die Apollinaire wieder in näheren Kontakt mit seinem Freunde Dupuy-Dalize brachte. Dalize war nach Beendigung seiner Studien Marineoffizier geworden. Er suchte Apollinaire im Dezember 1902, lud ihn zu einer Zusammenkunft ein, die der Dichter versäumte. Erst ein Jahr später treffen sich die beiden alten Freunde durch puren Zufall.

Apollinaire ist mit Salmon auf dem Wege in die Druckerei, sie halten sich aber unterwegs in der rue Turbigo auf, wo ein Haus brennt.

Wir mischten uns unter die Zuschauer. Bald fiel uns ein großer Kerl mit gerunzelter Stirn, eingefallenen Wangen und energischer Kinnlade auf. Dieser eigenartige Mensch hüllte sein mageres Gerippe fröstelnd in einen weiten Marineoffiziersmantel und begleitete den Brand mit scharfen, höhnischen Worten in der singenden Aussprache der Kreolen. Apollinaire rief: »Dupuy!« Er erkannte seinen ehemaligen Schulfreund aus dem Internat in Monaco, den er zehn Jahre lang nicht gesehen hatte. René Dupuy, der aus Bordy stammte, war in der weiten Welt und auf allen Meeren herumgekommen. Bald war er in China, bald auf Martinique, in Venezuela, in Neu-Orléans. Er mußte sofort wieder abreisen, aber Apollinaire und Salmon schleppten ihn in die Redaktion des Festin d’Esope, wo er von seinen Reisen erzählte. (Fabureau)

Diese zufällige Begegnung erneuert die alte Schulfreundschaft. Sie wird noch verstärkt, als Dupuy-Dalize im Jahre 1907 dem Marinedienst Valet sagt und auf Literatur umsattelt. Sein Vater leitet die monarchistische Tageszeitung Le Soleil, in die später – wahrscheinlich durch Renés Vermittlung – auch Apollinaire den Weg, findet.

Die versprochene Hilfe des geheimnisvollen Albaniers blieb aus. Er war jedoch keineswegs eine bloße Fabel, wie die Freunde bereits zu glauben begannen. Apollinaire kannte ihn wirklich. Im Mai 1912 schreibt er in den Anecdotiques:

Unter den Menschen, die ich kannte und an die ich mich am liebsten zurückerinnere, ist einer der eigenartigsten Faik beg Konitza. Seine Manie war das Pseudonym. Zur Zeit, als ich ihn kannte, ließ er sich Thrank-Spirobeg nennen, nach dem Titel eines historischen Romans von Léon Cahun, aber die Setzer änderten sein Pseudonym immer wieder auf Thrank-Spiroberg ab.

Apollinaire resigniert nicht, und trotz der finanziellen Schwierigkeiten kommt das Festin d’Esope heraus. Unter seinen Mitarbeitern finden wir Alfred Jarry, Van Beven, Paul Géraldy, Mecislav Goldberg, J.A. Nau und andere.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966