Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(I)

 

Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.

Das sind die eigenen Worte des Dichters, dessen Herkunft in geheimnisvolles Dunkel gehüllt ist. Und diesem Dunkel entsproß die Legende, die eine Art Saga von einem Geschlecht eröffnet, dessen Krönung eben dieser Guillaume Apollinaire Albert Vladimir Alexander de Kostrowitzki darstellt.

Aus der Legende tritt die Persönlichkeit des »hellsichtigen Propheten der neuen Ästhetik« hervor. Und dieser Dichter, aus dem glühenden, brodelnden Magma der französischen Poesie der Wende zweier Jahrhunderte erwachsen, wurde zum »Apostel der modernen Dichtung«, die sein gewaltsam abgeschnittenes und doch nicht torsales Werk in neue Bahnen lenkte, mit einem »neuen Geist« erfüllte und so weit hinaus über die Grenzen seiner Adoptivheimat wirkte, deren Sprache er zu seiner Lyra machte.

Der Beginn dieser Saga ist weit östlich von Frankreich einerseits, auf romanischem Gebiet andererseits zu suchen. Die genealogische Forschung lokalisiert die Herkunft von seiten der Mutter in Polen, wo an Hand historischer Quellen das Geschlecht der Kostrowitzki bis in die zweite Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann. Damals war Gabriel-Jan-Rafael Kostrowitzki das Haupt des Geschlechtes.

Dieses teilte sich nach seinem Tode; der auf der Herrschaft Doroszkowicz ansässigen Linie entstammte Apollinaire.

Der in Polen seit dem Jahre 1848 heranreifende Aufstand brach nach einigen mehr oder weniger erfolglosen Stürmen Mitte Januar 1863 in voller Stärke aus und trennte die Brüder Kostrowitzki – Michal, Josef und Adam. Josef und Adam werden wegen ihrer Beteiligung an dem Aufstand nach Sibirien deportiert, Michal wandert unmittelbar nach dessen Unterdrückung im Jahre 1865 nach Rom aus.

Das Familiengut wird konfisziert.

Michal scheint sich während des Aufstandes dem Flügel der »Weißen« zugeneigt zu haben, der in seinen Forderungen weniger radikal war, eher trachtete, nationale Gleichberechtigung zu erlangen und die bestehenden politischen Verhältnisse anerkannte, während die Partei der »Roten«, in der sich die radikalen Elemente und die Jugend konzentrierten, das einzige Heil in der Revolution sah. Auf der Seite der aristokratischen Partei der Weißen stand auch die Geistlichkeit, und es ist möglich, daß Michal mit bestimmten politischen Plänen in die italienische Emigration ging, worauf auch die Tatsache hindeutet, daß er im Vatikan eine Existenz fand.

Michal flieht mit seiner Frau Julie, geborene Floriani, und seinem fünfjährigen Töchterchen Angelica-Alexandra, der späteren Mutter des Dichters, nach Rom. Angelica war

am 17. April 1818

in Helsingfors in dem damals russischen Finnland geboren worden.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966