Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CXXII)

Zu dieser Zeit läßt Apollinaires Publikationstätigkeit etwas nach. In den Zeitschriften und Revuen der ersten Monate des Jahres 1907 finden wir keine Verse von ihm, vielleicht infolge der Übersiedlung, die seine freie Zeit stark in Anspruch nimmt. Er geht zum Journalismus über, der ihm ein paar Franken Verdienst einbringt. Auch im Gefühlsleben des Dichters scheint ein gewisses Vacuum einzutreten, das sich erst

im Mai 1907

wieder zu füllen beginnt. Eines Maitages sagt Picasso, er hätte bei Père Sagot eine »Braut« für ihn entdeckt. Apollinaire hält dies zunächst für einen Scherz, ist aber neugierig und besucht mit Picasso die Apotheke in der rue Laffitte, wo dieser erste Käufer Picassos seine kleine Galerie hat. Dort trifft er eine junge Schülerin der Academie Humbert, ein lebhaftes, intelligentes Mädchen etwas naiven Aussehens, das ihn bezaubert, Marie Laurencin, jene »Tristousse Ballérine aus dem »Ermordeten Dichter«.

Sie erweckt ein tiefes Gefühl in Guillaume. Er besucht sie täglich in La Chapelle, führt sie bei seinen Freunden ein, und so wird die von ihm entdeckte Malerin kreolischer Herkunft auf Jahre hinaus zum ständigen Mitglied der Künstlergruppe.

Apollinaire findet in ihr eine neue Inspirationsquelle, man kann sagen, daß er in dieser Liebe sich selbst wiederfindet.

Er erklärt: »Sie ist lustig, sie ist gut, sie ist witzig, sie ist eine kleine Sonne, sie ist ich in weiblicher Gestalt!« – Und noch lange nach der Trennung bleibt sie die Muse seiner literarischen Werke, jene Muse, als die sie Henri Rousseau mit dem Dichter gemalt hat.

Im »Ermordeten Dichter« transponiert Apollinaire die Realität des Lebens in die dichterische Atmosphäre eines Gespräches zwischen dem Vogel von Benin und Croniamantal:

»Ich habe gestern abend deine Frau gesehen.«
»Wer ist sie?« fragte Croniamantal.
»Ich weiß es nicht, ich sah sie, aber ich kenne sie nicht. Sie ist genau, wie du die Frauen liebst. Sie hat ein kindliches, bekümmertes Gesicht, wie alle, denen es bestimmt ist, zu quälen; ihren anmutsvollen Armen, die sich dir entgegenstrecken, um dich abzuwehren, fehlt jene Vornehmheit, die ein Dichter nicht lieben könnte, denn sie würde ihm nicht gestatten zu leiden. Ich habe deine Frau gesehen, wenn ich dir sage, sie ist häßlich und zugleich schön wie alles, was wir heute lieben. Sie muß nach Lorbeer schmecken…«

Mit dem Vogel von Benin ist Pablo Picasso gemeint. Apollinaire gab seiner Gewohnheit gemäß seinem Malerfreunde diesen Spitznamen nach einer kleinen Bronze von Benin in seiner Sammlung exotischer Plastiken. In Croniamantal erkennen wir das Selbstporträt des Schriftstellers.

Fernande Olivier nimmt Marie Laurencin nicht bedingungslos und begeistert in ihre Erinnerungen auf. Sie erwähnt, wie Apollinaire und Picasso sie bei den Steins einführten, sie erschien ihr nicht natürlich genug, zu sehr darauf bedacht, möglichst starken Eindruck zu machen.

Der verliebte Apollinaire bemühte sich, sie bei uns durchzusetzen. Sie wurde jedoch nicht, wenigstens nicht sofort, unsere vertraute Freundin… Als Apollinaire sie brachte, befaßten wir uns einfach nicht mit ihr.

Apollinaire hingegen ist ganz von ihr eingenommen, wie das posthum in sein Buch Le Guetteur mélancolique (Der melancholische Beobachter) aufgenommene Gedicht »Mon destin« (Mein Schicksal) bezeugt, das mit den ergebenen Worten beginnt:

Mein Schicksal ist, Marie, zu deinen Füßen
leben.

Aber auch diese große Liebe endete nach einigen Jahren.

Die Beziehung zu der jungen Malerin war vielleicht die Sprungfeder, die Apollinaire in immer engeren Kontakt zu den bildenden Künsten brachte. Er beginnt, den Salon Gertrude Steins zu besuchen, die nach ihrer Rückkehr von Amerika bereitwillig die fröhliche, lärmende Schar junger Künstler aufnahm.

Er kommt öfter mit André Salmon zusammen, der Kunstkritiken für den Excelsior schreibt.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966