Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CLXXIV)

Im Januar 1910

schreibt die Revue Marges:

Wir haben den Lesern der Marges eine unliebsame Mitteilung zu machen: Mlle. Louise Lalanne wurde soeben von einem Kavallerieleutnant entführt…

Der Artikel fährt dann fort:

Nun, wo sie uns verlassen hat, können wir ruhig sagen, wer sie war und ihre Geschichte verraten. Louise Lalanne war nicht ihr wirklicher Name, eigentlich war sie männlichen Geschlechts. Eine berühmte Schriftstellerin, die wir gebeten hatten, auf diesen Seiten über Frauen als Schriftsteller zu sprechen, brachte uns auf den Gedanken, es doch selbst zu tun, keine Frau würde das Risiko eines so gefährlichen Unternehmens auf sich nehmen. Wir kannten das geschmeidige, intelligente Talent Guillaume Apollinaires und baten ihn um sein Einverständnis, eine Zeitlang in Frauenkleidern aufzutreten. Die Idee amüsierte ihn und er sagte zu. Aber die schönsten Scherze sind die kürzesten. Und dann, eine Kritik der weiblichen Literatur – selbst wenn sie originell ist – kann nur eine gewisse Zeit andauern… Heute legt Guillaume Apollinaire seine Perrücke, sein Korsett und seinen Frauenrock ab…

Diese Verkleidung als Frau fand Apollinaire sicher amüsant, aber die Vermummung – die Montforts Idee gewesen – wird nicht als unschuldiger Scherz eines Bohèmiens aufgefaßt und in ihrer Tragweite reichlich übertrieben. In der Folge bezeichnet die Kritik Apollinaire als systematischen Mystifikator, und er muß sich energisch zur Wehr setzen.

Im gleichen Monat beginnt seine Mitarbeit an dem bedeutenden Blatt L’Intransigeant.
Apollinaires Wohnung 15, rue Gros, wird bei einer Überschwemmung unter Wasser gesetzt, und der Dichter muß auf den Schultern der Rettungsmannschaft durch das Fenster hinausgetragen werden.

Diese Überschwemmung erwähnt auch Daniel Henri Kahnweiler in seinen Memoiren:

Ich erinnere mich, daß wir damals in Auteuil in der rue Théophile Gautier wohnten, Apollinaire in der rue Gros; er erzählte uns übrigens von der Überschwemmung im Jahre 1910, wo ihn Soldaten aus seinem Mezzanin in Sicherheit brachten.

Laut Fernande Olivier wohnt Apollinaire eine Zeitlang bei Picasso, später übersiedelt er wieder in die rue Gros, aber in das Haus Nr. 37. Er bleibt absichtlich in der gleichen Gegend, um so nahe wie möglich bei Marie Laurencin zu sein. Billy erinnert sich noch nach Jahren an seine damalige Wohnung, die »angefüllt war mit alten Büchern, modernen Bildern und afrikanischen Fetischen. Die Negerkunst war Mode und Guillaume ihr Kommentator und Verteidiger…«

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966