Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CLXXII)

Apollinaire verkehrt nicht nur mit bildenden Künstlern, deren Kreis sich ständig erweitert, sondern auch mit jungen debutierenden Literaten. Cocteau gibt seine Erstlingswerke Le prince frivole (Der frivole Prinz), La Lampe d’Aladin (Aladins Wunderlampe) heraus, Jules Romain Puissances de Paris (Mächte von Paris), und es tauchen immer weitere Namen auf. Apollinaire befaßt sich mit ihnen in einem Vortrag »Les poetes d’aujourd’hui« (Die Dichter von heute), den er

am 6. November 1909

an der Volksuniversität im Faubourg-Saint-Germain hält. Die Gruppe „Bateau-Lavoir“ erweitert sich um Delauney, den Fernand Léger bald mit Apollinaire bekannt macht, es kommen Gleizes, Herbin, Le Fauconier, André Lhote, Picabia dazu, mit dem sich Apollinaire bald näher befreundet, Metzinger, von den Bildhauern Archipenko.

Die Liebe zu Marie dauert an, ihre Intensität steigert sich. Rousseaus »Dichter und seine Muse« wird bei den »Unabhängigen« ausgestellt. Das voll erblühte Gefühl führt den Pinsel der »Muse«, sie malt ihre erste große figurale Komposition »La réunion à la campagne« (Landpartie), auch »Les amis d’Apollinaire« (Apollinaires Freunde) genannt. Ihren geliebten Dichter plaziert sie in die Mitte des Gemäldes, auf dem sie auch Picasso und andere Freunde festhält. Apollinaire versetzt den Kreis oft durch sein enormes Wissen in Erstaunen, dessen Umfang Carco der Lektüre von Enzyklopädien und Auszügen daraus zuschreibt. F. Fleuret spricht in der »Boîte à perruques« (Perrückenschachtel) davon, daß sie zehn Jahre lang täglich zusammen in der Nationalbibliothek saßen. Außerdem hatte Apollinaire seine eigene, reichausgestattete Bibliothek, die – wieder nach Fleuret – »mit seltenen Büchern vollgestopft war, die er zu niedrigen Preisen in der rue Ménard kaufte«. Wie E. Wolf feststellt, waren darunter viele sorgfältig ausgewählte deutsche Bücher.

Im Jahre 1909 verschwindet die unbekannte Louise Lalanne. In literarischen Kreisen beginnt man schon mit dem Finger auf Apollinaire zu weisen. Anfang 1910 hebt er definitiv den Schleier, der diese weibliche Dichterin und Verfasserin kritischer Artikel verhüllte.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966