Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CLII)
Am 23. November 1908
schreibt er ihm:
Lieber Freund, eben erhielt ich Ihr Telegramm. Wenn Sie nicht kommen können, kommen Sie beide bestimmt am Donnerstag. An dem Bildnis ist noch etwas zu tun, und es kann nicht warten. Die Farbe trocknet, das tut ihr nicht gut, man hat dann die doppelte Arbeit. Ich habe viel am Kostüm der Dame gearbeitet. Die Idee ist fast fertig – ein violetter Peplum. Ich habe auch am Hintergrund gearbeitet, alles gelingt, das Bild gefällt sehr. Jetzt kann es schon nicht mehr hinausgeschoben werden, damit ich gut vorwärtskomme und eine schöne Komposition schaffe, die eventuell eine Sensation hervorrufen kann.
Morgen, Mittwoch, oder am Donnerstag um halb zwei.
Ich erwarte Sie und drücke Ihnen herzlichst die Hand. Alles Gute Ihrer Dame, der es, wie ich hoffe, auch passen wird.
Ihr Freund, Henri Rousseau.
Morgen, Mittwoch, oder am Donnerstag, die Sitzung wird diesmal nicht lange dauern.
Rousseau ist von dieser zweiten Version von Apollinaires Bildnis ganz eingenommen, aber der Dichter stellt sich nicht zu den Sitzungen ein. Daran trägt eine Reihe von Umständen die Schuld. Einer davon ist Geldmangel, ein anderer die Herausgabe von Apollinaires Jugendwerk Der verfaulende Zauberer. Offenbar hat der Dichter in der ersten Hälfte des Jahres 1908 das Manuskript und Derain seine Holzschnitte für die beschränkte Zahl von hundert Exemplaren fertiggestellt. Es mutet einen eigen an, daß Apollinaires erstes Buch nicht von einem Verlagshaus herausgegeben wurde, sondern von einem privaten Verleger, dem jungen Bilderhändler Henri Kahnweiler, dem Freund und ersten Abnehmer der Kubisten.
Im November 1908 kommen Guillaume Apollinaire, André Derain und Henri Kahnweiler, der eine Galerie in 28, rue Vignon eröffnet hat, in die Biraultsche Druckerei. Kahnweiler ist von Beruf kein Verleger. F. Cremieux fragt ihn in den im Jahre 1961 publizierten Gesprächen, wieso er, der an Malern Interessierte, auf die Idee gekommen sei, ein Buch herauszugeben. Kahnweiler denkt melancholisch zurück:
Wir lebten in einer völlig unvorstellbaren, euphoren Atmosphäre von Jugend und Enthusiasmus. Die Werke der Dichter Apollinaire und Max (Reverdy kam erst später hinzu) stellten für uns etwas Ungeheures vor. Meine Frau kannte den »Chanson du mal-aimé« auswendig, ich übrigens auch.
Andererseits hatten diese Dichter keinen Verleger. Da kam ich auf die Idee, die Gedichte, von ihren Malerfreunden illustriert, herauszugeben. Die wundervollen Editionen Vollards bestehen aus älteren, neu herausgegebenen Texten, bei meinen handelt es sich immer um Erstausgaben und hauptsächlich um Herausgabe von Autoren, die noch nicht gedruckt worden waren.
Auf Crémieux’ Einwand, eine Auflage von hundert Luxusexemplaren hätte doch kaum viel zu einer weiteren Verbreitung der Werke dieser Autoren beitragen können, fährt Kahnweiler fort:
Und doch tat sie das und flößte anderen Verlegern den Mut zu größeren Auflagen ein. Apollinaire und Max hatten nun gedruckte Bücher aufzuweisen und das wirkte sich dahin aus, daß es den Mercure de France zum Druck Apollinaires veranlaßte.
Apollinaire hatte doch schon vorher viele Prosawerke veröffentlicht, aber unter fremdem Namen.
Nein, sein Buch über Sade und weitere Autoren dieses Genres – Nerciat und andere – erschien später, erst von 1911–1912 an, der Verfaulende Zauberer stammt aus dem Jahre 1909.
Die Maler kannten und liebten Apollinaire?
Absolut. Picasso hatte ausgesprochen Sinn für französische Verse. Apollinaire sagte einmal zu mir: »Noch vor ein paar Jahren konnte er kaum französisch sprechen, war aber durchaus fähig, die Schönheit eines Gedichtes zu beurteilen und unmittelbar zu genießen.« Übrigens schrieb Picasso damals selbst die herrlichsten französischen und spanischen Gedichte…
Sprechen wir wieder ein wenig über Apollinaire, den Mann, den Sie zuerst herausgegeben haben, der den heroischen Tagen des Kubismus angehörte.
Ich betrachte eigentlich Apollinaire als den größten Dichter seiner Zeit. So dachte ich damals, so denke ich noch heute, ich liebte ihn sehr. Aber ich bin überzeugt, daß er zur Malerei keine gefühlsmäßige, sensuelle Beziehung hatte…
Auf eine weitere Frage über Apollinaires großes Wissen antwortet der Verleger seines ersten Buches:
Er war sehr belesen, und das auch auf Gebieten, an die die meisten Leute gar nicht denken. Er wußte ungeheuer viel und prunkte gern damit.
– Und er spricht von Apollinaires etymologischen Kenntnissen, die in vielleicht nicht geringem Maße auf seinen Sprachkenntnissen fußten und ihm die Möglichkeit verschiedener Vergleiche boten, und auch auf seiner Neigung zu Tändelei, die sich in seinen komplizierten Wortspielen auswirkte.
Soweit die Erinnerungen von Apollinaires erstem Verleger, der sich entschließt, ein Prosawerk herauszugeben, das zum erstenmal 1904 in vier Fortsetzungen im Festin d’Esope erschien. Mit dem Druck betraut er die Offizin Paul Biraults in der rue de Douai, eines Sonderlings, den Apollinaire als »den Retter des Rufes der französischen Typographie« bezeichnet. Außerdem haben Dichter und Typograph einen gemeinsamen Zug – die Vorliebe für das Wortspiel und die Mystifikation. Drucker, Dichter, Graphiker und Verleger widmen, jeder auf seinem Gebiet, dem Buche große Sorgfalt.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









