Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CLI)
In dieser brillianten, von Einfällen sprühenden Umwelt entsteht der Gedanke,
im Oktober 1908
zu Ehren Henri Rousseaus ein Bankett zu veranstalten, das in die Geschichte eingegangen ist. Picassos Atelier verwandelt sich für dieses Ereignis: Es wird aufgeräumt, an der Decke hängen Papiergirlanden und Lampions, an der Spitze der Tafel steht auf einem erhöhten Podium der Ehrensitz des gefeierten Malers. Fernande Olivier schreibt, zu dem Bankett habe Picasso die Anregung gegeben, um dem alten Maler eine Freude und Ehrung zu bereiten. Es sind etwa dreißig Leute eingeladen: drei Kunstliebhaber und Sammler, die eigens aus New York, Hamburg und San Franzisco kommen, G. Braque, Agéro, Jacques Vaillant, Leo und Gertrude Stein, Jacob, Maurice, Cremnitz, René Dalize, André Salmon, Guillaume und Marie und andere.
Alle Teilnehmer versammeln sich zunächst in der Bar Fauvet, von wo sie sich gemeinsam in das Atelier begeben.
Geschirr, Bestecke und Stühle wurden vom Azon geliehen, über dem Ehrensessel prangt ein Band mit der Aufschrift:
Es lebe Rousseau!
Ein elektrischer Musikautomat versieht die Funktion einer Kapelle. Die Tische sind seitlich gekippte Betten. An den Wänden schöne Negermasken, Rousseaus »Yadwigha« nimmt einen Ehrenplatz ein.
Um neun Uhr ist alles bereit. Man erwartet Rousseau, der mit seinem Spazierstock, den Geigenkasten unterm Arm, auf dem Kopf seinen gewohnten breitrandigen Hut, erscheint. Er ist zu Tränen gerührt, dann setzt er sich auf den ihm bestimmten Platz. Apollinaire erledigt inzwischen an einer Ecke des Tisches seine vernachlässigte Korrespondenz. Alles wartet auf das Bankett. Der peinlichen Situation gedenkt Maurice Reynal Anfang 1914 in »Les Soirees de Paris« (Pariser Abende):
Man wartete eine Stunde – zwei, aber das bestellte Essen kam nicht. Erst nach der dritten Stunde des Wartens erinnerte sich der Gastgeber, daß er sich bei der Bestellung im Datum geirrt habe, in der Meinung das Bankett fände erst übermorgen statt. Das verdarb aber niemandem die Stimmung. Die Getränke waren natürlich nicht vergessen worden, schnell wurde irgendetwas zu essen bereitet. Zugleich mit den Flaschen wurden Sardinenbüchsen geöffnet, es herrschte allgemeine Heiterkeit.
Cremnitz kündigte an, er werde singen, was zunächst abgelehnt wurde, dann sang er aber doch ein Lied zu Rousseaus Ehren mit einem Refrain über dessen Malerei. Der Gefeierte nahm bald seine Geige aus dem Futteral und spielte seine Komposition »Les Clochettes« (Die Glöckchen). Man begann an Tanzen zu denken, und Rousseau spielte seinen Walzer »Clemence«. Apollinaire improvisierte ein Gedicht, das er vortrug, als Rousseau ein weiteres Lied »Pan! Pan! Ouvrez-moi« (Tapp, tapp, öffnet mir) beendet hatte. Es ist das Gedicht »Te souviens-tu, Rousseau« (Erinnerst du dich, Rousseau), das zum erstenmal in den erwähnten Erinnerungen Raynals veröffentlicht wurde. Georges Braque spielte auf der Harmonika zum Tanz auf, die Wogen der Fröhlichkeit stiegen noch, als der Barman des Fauvet an die Tür klopfte und mit vielen Entschuldigungen eine Dame hereingeleitete, die er auf dem Gehsteig aufgelesen hatte, eine der Teilnehmerinnen an der Feier, die ein wenig frische Luft schöpfen gegangen war, dann aber in der ganzen Gasse bis zu der Bar umhergeirrt war. Die gute Stimmung verdarb nicht einmal ein Streit zwischen Apollinaire und der Laurencin, die sich gleich zu Anfang auf eine zur Seite gestellte Torte gesetzt und dann alle Anwesenden geküßt hatte. In leicht benebeltem Zustand mußte sie schließlich nach Hause zu Mutter geschickt werden. Auch Rousseau trank mehr als gewohnt und nickte dann auf seinem improvisierten Thron ein. Von oben tropfte ihm das Wachs einer brennenden Kerze auf den Kopf und bildete eine Art illusorische Krone, was den glücklichen Meister weiter nicht störte.
In der Morgendämmerung, als die Lampions schon verlöschten, lud die ganze Bande, zu der sich während der Feier der halbe Montmartre gesellt hatte, den tief bewegten Maler in einen alten Fiaker, wo er, die Geige auf den Knien, bis zu seinem Viertel Plaisance friedlich schlummerte.
Am nächsten Tag sandte der geehrte „Zeichenprofessor, Lehrer der Aquarellmalerei und Komponist« Picasso einen gerührten Dankbrief. Er war von dem feierlichen Bankett begeistert, den Freunden war ihre Absicht, »Rousseau durch eine Feier eine Freude zu bereiten«, gelungen. Nichts hätte (nach André Salmon, von dem auch ein Gedicht rezitiert worden war), »besser inszeniert sein können als Rousseaus Bankett, und zwar in doppeltem Sinn: für Rousseau selbst und in Rousseaus Geist…«
Nach dem Bankett malt Rousseau an der zweiten Version von Apollinaires Porträt weiter.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









