Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CIX)
Das Jahr 1906
ist für Apollinaire ein Jahr verminderter schöpferischer Intensität. Die Beschäftigung in der Bank nimmt ihn ganz in Anspruch. Er hat ein sehr kleines Gehalt, und alle seine Bemühungen um ein Nebeneinkommen in Zeitschriften scheitern.
In den Revuen dieses Jahres suchen wir vergebens ein Gedicht, ein Prosawerk, einen kritischen oder journalistischen Beitrag. Er hat sehr wenig freie Zeit für eigene Arbeiten und den Verkehr mit dem Freundeskreis. Er besucht die Mittwoche, die die von Paul Fort und Alexandre Mercereau gegründete Revue Vers et Prose veranstaltet und an denen sich Künstler aller Professionen zu leidenschaftlicher Diskussion zusammenfinden. Apollinaire trifft dort die Freunde, »ohne die er nicht leben kann«. Mit sechzehn Franken in der Tasche, dem Erlös seiner Habseligkeiten, kommt der junge Spanier Juan Gris nach Paris und logiert sich bei Picasso ein, der sich gerade zu dieser Zeit mit A. Modigliano aus Livorno anfreundet. Die Zentripetalkraft von Paris zieht auch Gino Severini an, der sich sofort Modigliano und der ganzen Gruppe anpaßt und bald mit Max Jacob, Braque und Dufy gut Freund ist. Es ist wahrscheinlich, daß er auch schon damals Apollinaire und Paul Fort kennt, dessen Tochter er 1913 heiratet. Und alle kennen den jungen Deutschen, Daniel Henry Kahnweiler, der gerade vor der Wahl steht, Bankier oder Bilderhändler zu werden.
Vorläufig ist weder der Tag noch der Monat des Jahres 1906 bekannt, der Apollinaire und Henri Rousseau zusammenbrachte. Nach René Guy Cadou muß es in der Closerie de Lilas gewesen sein, »wo er zum ersten Mal von Rousseau sprechen hörte, der noch nicht der hinreißende, eigenwillige Maler, sondern ein unbedeutender Rentner, ehemaliger Zollbeamter, war… Apollinaire lernte ihn kennen, und die rührende Einfalt dieses grundguten Menschen bezauberte ihn auf der Stelle…«
Rousseau war eine Entdeckung Alfred Jarrys. Sie trafen sich 1893 im Salon der Unabhängigen. Vor dem Bild »Le Paradis terrestre« (Das irdische Paradies) stand auch Charles Henry Hirsch. Rousseau fragte Jarry, ob ihm das Bild gefalle. »Es ist phänomenal«, sagte Jarry im Brustton der Überzeugung, »aber wer sind Sie denn?« »Henri Rousseau, der Autor«, antwortete der Maler bescheiden.
Die Beziehungen Jarrys zu Rousseau vertieften sich, und im Jahre 1906 macht der bereits kranke Schriftsteller Rousseau mit Rémy de Gourmont und Apollinaire bekannt. Der naive Maler gefällt auch den anderen. Salmon charakterisiert in »Propos d’atelier« (Ateliergeschichten) in sehr warmen Worten die Beziehung seiner Generation zu Rousseau:
Es waren die Jäger von Negeridolen, die auch Rousseau begrüßten, den in seiner Naivität Bewundernswerten. Wir liebten den Alten von Montrouge nicht wegen seiner Barbarei, sondern im Gegenteil, wegen seiner Kenntnisse.
Und es lieben ihn Picasso, Vlaminck, Max Jacob, Raynal, Dalize, Delauney und viele andere, die mit Apollinaire in das bescheidene Atelier zu den Abenden kommen, an denen sich auch kleine Handwerker und die Bewohner der Umgebung der rue Perret einfinden. Noch nach Jahren gedenkt Apollinaire Rousseaus – des Menschen und Künstlers –, den er die letzten Jahre seines stillen Lebens mit ungemein warmer Freundschaft umgab.
Picasso beschäftigt zu dieser Zeit die Welt der Tiere. Er schafft einige Holzschnitte, die Tiere zum Thema haben, und dieser unvollendete Zyklus bringt Apollinaire auf die Idee einer Serie kurzer Gedichte, »Bestiaire« (Tierbuch). Aber Picasso schnitzt nur noch den »Adler« und das »Huhn« und läßt dann den Gedanken fallen. Apollinaire aber läßt von dem Thema nicht ab, und der Gedichtzyklus erlebt später seine Herausgabe in Zeitschriften und auch in Buchform, zu der Dufy die kongenialen Holzschnitte anfertigt.
Apollinaires Geldmangel wird immer drückender. Er nimmt deshalb das Angebot eines Verlegers an und schreibt zwei erotische Romane: Les onze mille vierges (Die elftausend Jungfrauen) und Les exploîts d’un jeune Don Juan (Die Heldentaten eines jungen Don Juan), die aus Zensurrücksichten anonym, ohne bibliophile Daten ein Jahr später herausgegeben wurden. Der Autor ist nur durch die Initialen G… A… angegeben. Er hat sich schon früher mit der libertinistischen Literatur des 18. Jahrhunderts befaßt und besitzt eine eingehende Kenntnis der galanten Autoren, die er in der Nationalbibliothek gründlich studiert hat. Diese Arbeit rächt sich später und trägt ihm den ungerechtfertigten Beinamen eines Pornographen ein, der er im wesentlichen nicht war.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









