Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCXXXIX)

Am 9. Dezember 1911

greift ihn Urbain Cohier an. Er veröffentlicht im Œuvre einen Artikel, der Apollinaire als Pornographen und Ausländer schildert, der zu Unrecht in Frankreich lebe. Vielleicht hat dazu die Neuausgabe der Onze mille vierges und der Exploits d’un jeune Don Juan beigetragen, vielleicht auch war es der Kampf gegen die neue Kunst, der zu solch hinterhältigen Methoden griff. Apollinaire ist außer sich. Wieder taucht die zurückgedrängte Furcht vor einer eventuellen Ausweisung auf, die Angst vor einer Zukunft, die nichts weniger als gesichert ist. Kaum hat er den Artikel gelesen, schreibt er an Toussaint Luca, voll ängstlicher Erwartung, wie diese Affaire ausfallen wird. Er bittet ihn festzustellen, unter welchen Bedingungen man die französische Staatsbürgerschaft erwerben könne und stellt die Frage:

Was fange ich an, wenn man mich aus Frankreich vertreibt? Diese Unsicherheit raubt mir die für meine Arbeit so nötige Ruhe. Ich will ja nichts weiter als Ruhe. Statt dessen bin ich im höchsten Grade der Verfolgung ausgesetzt.

Toussaint Luca leitet sofort die nötigen Schritte ein, und alle Freunde umgeben den erregten, aus dem Geleise geworfenen Dichter mit fast mütterlicher Sorge, darunter auch einige neue Persönlichkeiten, die Apollinaire im Laufe des Jahres 1911 kennenlernte. Dem Freundeskreise haben sich insbesondere Francis Picabia und seine Frau Gabrielle angeschlossen. Picabia beteiligt sich an den sonntäglichen Zusammenkünften im Atelier Jacques Villons in Puteaux, wohin außer Apollinaire Gleizes, de la Fresnay, Léger, Metzinger zu kommen pflegen und die später zur Gründung der Section d’Or führen. Die beiden werden bald intim, und er fährt oft zu Picabias zum Mittagessen hinaus nach Garches. Aber nicht nur mit Picabia, auch mit Robert Delauney freundet sich Apollinaire an. Bei ihm lernt er einen unbekannten Dichter kennen, der wie er selbst gegen alle traditionellen Formen anrennt, Blaise Cendrars, nach dessen eigenen Worten, damals »ein täglicher Kumpan Légers«.

Freundschaften zwischen Malern und Dichtern sind an der Tagesordnung, Cendrars führt dies weiter aus:

Zwischen Malern und Schriftstellern war kein großer Unterschied. Man lebte miteinander, und alle hatten die gleichen Sorgen. Man kann fast sagen, jeder Schriftsteller hatte seinen Maler, ich Delauney und Léger, Picasso Max Jacob, Reverdy Braque, und Apollinaire hatte alle. Ja, er war der Patron aller…

Auch G. de Chirico ist darunter, der sich mit seinem Bruder, dem Schriftsteller Albert Savinio, 1911 in Paris niederläßt und bald zu dem »Kreise der fröhlichen Freunde« gehört. Apollinaire erklärt, er sei der bewundernswerteste der jungen Generation. Ein anderer des Kreises ist Serge Jastrzeboff. Seit 1901 in Paris ansässig, neigt er sich erst 1911 dem Kubismus zu. Apollinaire erfindet sofort einen freundschaftlichen Spitznamen für ihn – Férat, den er dann als Pseudonym gebraucht. Auch Marc Chagall kommt dazu, der Autor des berühmten Gemäldes »L’Hommage à Apollinaire« (Huldigung Apollinaires), und Francis Carco.

Die Hauptbarriere aber bilden Freunde aus der Kinderzeit: Billy, Dalize, und wir müßten noch eine ganze Reihe von Namen wiederholen. Insbesondere diese beiden bemühen sich, für den unglücklichen Dichter auch einen sicheren materiellen Hafen zu finden. Apollinaire hat jahrelang von einer eigenen Revue geträumt. Und so werden – nach Billys Worten – die „Soirées de Paris“ gegründet, »als Festung zur Verteidigung Guillaume Apollinaires…« Der Gedanke wird 1911 gefaßt, die Verwirklichung fällt in das kommende Jahr.

Für das eigene dichterische Schaffen Apollinaires war das Jahr 1911 nicht günstig, was in Anbetracht seiner Existenz- und anderen Sorgen, die besonders nach der Louvre-Affaire zusammen mit Maries fortschreitender Entfremdung an ihm nagten, erklärlich ist. Vielleicht hatte er viel mehr Pläne, als sich realisieren ließen. Als Dichter tritt er erst wieder kurz vor Jahresende in der Revue Parthénon auf. Diese Revue wurde gegründet und herausgegeben von Baron Brault, dessen literarischen Salon der Dichter besuchte.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966