Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCXXVII)

Am 12. September 1911

wird Apollinaire gefesselt in das Justizpalais überführt. Er wartet den ganzen Vormittag voll Furcht, was nun mit ihm geschehen werde. Er hat noch keine Nachricht, weder von seinem Advokaten noch von seinem Bruder, denen bereits einmal ein Besuch gestattet worden war. Um drei Uhr wird er in das Arbeitszimmer des Richters gebracht, der ihn neuerlich verhört. Er erklärt, Piéret bei sich Unterkunft gewährt zu haben, weil ihn sein Elend so sehr gedauert hätte. Auch die Geschichte von dem Kauf des Schlosses kommt zur Sprache und klärt sich schließlich ganz anders auf, als der anonyme Angeber, der sie dem Gericht angezeigt hatte, voraussetzte. Was bleibt dem Richter übrig, als den unschuldigen Delinquenten freizusprechen und zu entlassen.

In der Dämmerung, um halb sieben, verläßt der Dichter das Gefängnis, vor dem ihn eine dichtgedrängte Schar von Freunden erwartet. Er kommt mit seinem Bruder und den beiden Advokaten und wird mit Händedrücken und Umarmungen von Fernand Fleuret, André Billy, André Salmon, Francis Carco, Léon Larguier, Fernand Divoire, René Dalize, Jean Mollet, René Fauchois und anderen begrüßt. Vergebens suchen die Augen des Dichters Marie Laurencin, auch Pablo Picasso ist nicht gekommen… Guillaume Apollinaires Episode à la Verlaine ist scheinbar zu Ende, nur scheinbar, weil sie noch in der Zukunft Folgen haben soll und den Dichter mit Angst vor weiterer Unbill erfüllt. Denn er hat die französische Staatsbürgerschaft nicht, er ist ein Staatenloser, der noch immer fürchtet, als lästiger Ausländer, wie ihn während der Affaire manche Zeitungen genannt hatten, betrachtet und ausgewiesen zu werden. Die Haft zeichnete ihn in anderer Weise. Sie spiegelt sich in sechs kurzen Gedichten wieder, über deren Titel der Autor sich lange nicht entscheiden kann. Er verwirft die erste Idee »A la prison de…« (Im Gefängnis zu… ), ebenso wie die zweite »A la prison de La Santé« (Im Gefängnis La Santé), auch »Chanson« (Sang), als zu nichtssagend, und bleibt schließlich bei dem kürzesten Titel »A La Santé«. Der ganze Zyklus entstand im Gefängnis, wo der Autor Mutter, Bruder, Marie, die Freunde in Versen bittet, ihm zu verzeihen, was einige dichterische Skizzen bezeugen, in Stunden geschrieben, »die langsam verlaufen wie ein Begräbnis«.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966