Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCLXIX)

Von weit größerer Bedeutung jedoch ist das Erscheinen von Alcools, das für den Mercure de France

am 20. April 1913

in der Arraultschen Druckerei beendet wird. Dieses für die moderne Dichtung bedeutungsvollste Buch erscheint in dem üblichen gelben, rein typographisch gestalteten Umschlag der Editionen des Mercure. Auf der Rückseite des Schmutztitels befinden sich die Editionsdaten dreier vorhergehender Bücher, aber Peintres Cubistes (Kubistische Maler) ist noch nicht darunter. Das Frontispiz bildet die Reproduktion von Picassos Porträt, das Impressum führt außer der üblichen Auflage 23 Sonderdrucke auf Büttenpapier an. M. Decaudet stellt fest, daß außer der Auflage und den 23 Exemplaren auf Büttenpapier 567 numerierte Exemplare hergestellt wurden. Eine weitere Anzahl von Exemplaren, von 600 aufwärts numeriert, ist für den Autor und die Rezension bestimmt. Die normalen Exemplare kosten Frs 3.50, wovon der Dichter 35 Centimes erhält, die Drucke auf Büttenpapier werden zu Frs 10.- verkauft. Bis zur Jahresmitte werden 350 Exemplare abgesetzt und 80 an die Presse und Freunde des Autors versandt. Die Liste ist nicht erhalten geblieben, man kann sie nur teilweise rekonstruieren. Décaudin tat dies an Hand der einzelnen Besitzer, aber gewiß ist eine Anzahl von Exemplaren verloren gegangen oder auf rätselhafte Weise in andere glückliche Hände gelangt.

Das erste Exemplar widmet Apollinaire Marie Laurencin. In der Widmung heißt es:

Deine Augen sind mein Alkohol
Deine Stimme berauscht mich wie Branntwein…

Aber die hingebungsvolle Widmung zeitigt nicht das ersehnte Resultat. Marie kehrt nicht zu ihm zurück.

Bald meldet sich die Kritik zum Wort. Cendrars schreibt dem Autor:

Sie sind mein Meister – Sie sind unser aller Meister.

Paul Léautaud schreibt begeistert im Bulletin des Mercure de France, Jean Pellerin erklärt das Buch noch vor dem Erscheinen seines Artikels im Gil Blas am 10. April 1913 als das beste der zeitgenössischen Literatur. Ein etwas peinliches Moment bildet, auch in späteren Kritiken, die Weglassung der Interpunktion. Nach L. Faure-Favier kam es dazu teilweise durch Zufall. In den Abzügen wimmelte es von Interpunktionsfehlern, die den Sinn und Fluß der Verse störten. Paul Morice meldete dies dem Autor, der kurzerhand beschloß, die Interpunktion überhaupt wegzulassen, was er bei der letzten Korrektur auch tat. Das allerdings behagte dem Chefredakteur nicht. Deshalb kamen Louis Dumur, Henri Régnier, Felix Fénéon und André Fontainas zu einer Beratung mit dem Dichter zusammen. Apollinaire setzte ihnen seine Ansicht auseinander, daß die Interpunktion bei Gedichten gar nicht nötig sei, Rhythmus und Fluß könnten auch ohne Satzzeichen bestehen, besonders wenn es sich um wirkliche Poesie handle. Fénéon fand diese Ansicht nicht ganz unbegründet, und ihm schloß sich Regnier an.

Balette beschloß infolgedessen:

Gut, wir lassen die Interpunktion weg, wir lassen Apollinaire machen, was er will. Man wird sehen…

Die Kritik anerkennt Alcools einmütig umfassende Kenntnisse, bizarre Ausdrucksfähigkeit, dichterisches Gefühl und einen neuen Geist. Es erscheinen beständig weitere Kritiken, der Autor ist plötzlich in weiteren Kreisen berühmt geworden. Der Erfolg wird ihm Antrieb zu neuer Aktivität. Die Ausstellungschronik und die Anecdotiques gehen weiter.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966