Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCCXCV)
Davon zeugt auch, daß
im Januar und Februar 1919
drei Nummern der Revue Sic (37–39) erscheinen, die Apollinaire gewidmet sind. Hier tun sich alle Freunde zusammen, von André Billy und Max Jacob angefangen bis zu den jüngsten.
Hier beginnt Apollinaires zweites und dauerndes, sein Leben nach dem Tode, wieder im Sinne seiner eigenen Worte:
Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires
der im Kriege war und es verstand überall zu sein
Diese Ehrung bleibt nicht die einzige. Sie leitet eine ganze Reihe ähnlicher Aktionen ein, und noch fünf Jahre nach dem Tode des Dichters erscheint ein weiteres »In memoriam Apollinaire« in der 24. Nummer der Revue Vient de paraître (Soeben erschienen), in der weitere Autoren in Artikeln, Skizzen und kritisch-literarischen Studien seiner gedenken.
Aber das offizielle Frankreich hat Apollinaires Persönlichkeit noch nicht voll zur Kenntnis genommen, diese Persönlichkeit, die die französische Dichtung von Grund auf verwandelte und auch die anderer Völker beeinflußte. Es fanden sich keine öffentlichen Mittel zur Instandsetzung von Apollinaires Grab, und wieder sind es die Freunde, die eine Aktion zur Errichtung eines Grabsteines anregen. Die bildenden Künstler und Freunde aus anderen schöpferischen Kreisen widmen eine Anzahl von Kunstwerken zu einer Ausstellung und Auktion. »Der Erlös der Versteigerung wird zur beschleunigten Errichtung eines Grabsteines verwendet, dessen Entwurf von Picasso stammt«, sagt die Einladung.
Inzwischen durchläuft Apollinaires Name die Welt. Er fasziniert durch seinen poetisch-revolutionären Geist die neu auflebenden und neu auftretenden tschechischen Dichter viel früher als die Schriftsteller anderer Länder. Kurz nach Beendigung des Weltkrieges gibt der tschechische Dichter Stanislav Kostka Neumann die Zeitschrift Červen (Juni) heraus, von der er sagt:
Der Cerven wurde in erster Linie für die neue künstlerische Bewegung gegründet, für jene -ismen, die als nicht national hierzulande durch den Krieg hätten ausgerottet werden sollen. Wir wollten beweisen, daß sie lebten, ja daß sie sogar sehr lebendig seien und daß schon die bloße Gerechtigkeit gebiete, ihnen ein Platz an der Sonne einzuräumen… Während der ganzen Kriegszeit haben wir im Sinne und in den Idealen jenes tschechischen Kunstfrühlings gelebt, der kurz vor dem Krieg in Erscheinung trat und durch die allgemeine Katastrophe im Keime erstickt wurde… So fingen wir an. Die neue Kunst lebte und nahm an Stärke zu.
So schrieb ein Dichter und Redakteur, einer der ersten Übersetzer Apollinaires knapp nach dem ersten Weltkriege. Er erneuerte die durch den Krieg unterbrochenen Beziehungen zu der französischen Literatur, indem er Karel Čapeks geniale Übersetzung der »Zone« mit zwölf Linolschnitten Josef Čapeks in der Februar-Doppelnummer seiner Zeitschrift veröffentlichte, also kaum mehr als ein Vierteljahr nach dem Tode des Dichters, ein Gedicht, das sich nach den Worten Vítězslav Nezvals schwer in die bestehenden literarischen Werte einreihen ließ, ein großes, ein geniales Gedicht. So verabreichte Neumanns klarer Blick der modernen tschechischen Literatur eine lebenspendende Injektion und veranlaßte eine Reihe theoretischer und kritischer Studien, Betrachtungen und weiterer Übersetzungen, insbesondere bei der jüngsten Nachkriegsgeneration, aus der im Laufe der Zeit führende Persönlichkeiten der tschechischen Dichtung hervorgingen, die sich in der Vereinigung Devětsil (Die starke Neun) konzentrierten und in der programmatischen, in dem gleichnamigen Sammelwerk im Frühjahr 1922 (S. 12) gedruckten Erklärung demonstrativ zu Apollinaire bekannten:
Die Epoche des kubistisch-futuristischen Zivilismus, die Namen wie Marinetti, Apollinaire, Cendrars, Neumann und die gesamten literarischen Werke Birots, Epsteins, Golles, Dermées, Salmons auf ihren Wogen emportrug, manifestierte sich vielleicht am typischsten in dem bekannten Gedicht »Zone« von Apollinaire, dessen späterer Widerhall Golles »Paris in Flammen« ist. Diese Gedichte Apollinaires und Golles sind Meilensteine der zeitlichen und qualitativen Spanne der ganzen Bewegung. Durch Apollinaires Werk entfaltete damals die neue Dichtung eine fast frenetische Vitalität…
Im März 1924 erschien auch die erste Nummer der Zeitschrift dieser Schriftsteller, der Dichter Vítězslav Nezval, Jaroslav Seifert, Jiří Wolker, Jindřich Hořejší, der später zahlreiche Gedichte Apollinaires übersetzte, Adolf Hoffmeister, Konstantin Biebl, denen sich auch der Maler und Theoretiker Karel Teige anschließt, der als neunzehnjähriger Student in der Revue Kmen (Der Stamm) eine lehrreiche Studie über seinen geliebten Dichter veröffentlichte. Um diese ideologische Kristallisationsachse gruppierten sich nun auch Prosaschriftsteller, Maler, Architekten. Dadurch wurde die Vereinigung nicht nur zum Träger der neuen künstlerischen Programme, sondern auch zum Kämpfer für ihre Verwirklichung. Für ihre Zeitschrift wählten sie den aus dem Eingangsgedicht von Alcools abgeleiteten Titel »Pásmo« (Zone).
Wenn es auch im Laufe ihrer Entwicklung zu Differenzierungen in ihrer inneren Überzeugung kam, Apollinaires Werk blieb für sie immer das Element von Bestand, das ihre Poetik befruchtete, das sie ebenso wenig vergaßen wie seine französischen Zeitgenossen und Freunde. Ihre Bewunderung ist vielleicht um so beweiskräftiger, als sie nie in die unmittelbare Anziehungssphäre seines scharfen Geistes gerieten und in der überwiegenden Mehrheit sein Werk erst nach einer gewissen Distanzierung kennenlernten, als es in den Kontext der Weltliteratur schon als fester Wert eingegangen war.
Vítězslav Nezval, der Gründer des tschechischen Poetismus, bekennt seinen Einfluß offen:
Apollinaires Geist machte sich in der modernen Dichtung der ganzen Welt bemerkbar, er übte großen Einfluß sowohl auf die Poetisten als auch auf die Surrealisten aus. (1937)
Zu seinem dreißigsten Todestage schreibt er das Gedicht »Seance«. Aber schon lange vor ihm hatte Jaroslav Seifert konstatiert:
Ich glaube, es würde nicht allzu schwer fallen, auch andere Spuren von Apollinaires Muse in den Bänden moderner tschechischer Dichtung zu finden. Sie sind tief und schön und gereichen ihnen keineswegs zur Schande. Man entdeckt neue Sprachschönheiten und -formen, und die Traktate über die tschechische Tradition, die einem heute immer wieder vorgeworfen wird, erweisen sich als völlig überflüssig, wenn auf der einen Seite ein Wolker, auf der andern ein Nezval heranwuchs, um nur Dichter zu nennen, die auch außerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes bekannt sind.
Auch Jiří Wolker, der sich später der proletarischen Dichtung zuwandte, schätzte Apollinaire. Er kannte Alcools und besaß Kahnweilers Ausgabe des Verfaulenden Zauberers, um die ihn Nezval, wie er selbst zugesteht, beneidete. Der Kritiker A.M. Píša konstatierte von Apollinaires Widerhall in Wolkers Werk:
Den Vorrang hat unstreitbar Wolkers »Svatý kopeček« (Heiliger Hügel), dessen Intonation ohne Apollinaires Beispiel nicht vorstellbar ist, dazu bekennt sich der Autor selbst. Um nur eines herauszugreifen, erinnere ich mich an einen Brief vom Herbst 1921, wo er von den Versen eines seiner Gefährten urteilt, ,sie sind apollinairehafter als mein »Heiliger Hügel«…
Einen weiteren Beleg finden wir in der Erinnerung eines verstorbenen Freundes Jiří Wolkers, in dem kleinen Sammelwerk In memoriam Jiří Wolker, das im Jahre 1924 herauskam. Beide an Tuberkulose leidenden Dichter hielten sich zur Erholung in Dalmatien auf, und Wolker hatte Alcools mit. Einmal nachts ließen sie das Buch am Strand liegen.
Wir kamen erst um Mitternacht nach Hause.
»Wo hast du den Apollinaire?«
Jiří starrte streng und schmerzlich auf meine leeren Hände. Apollinaires Alcools!
Wie durch einen dunklen Gang wanderte ich den ganzen Tag zurück, und irgendwo vor mit leuchtete das Viereck des geliebten Buches, aber ich konnte es nicht erreichen… Und ich wußte, daß ich das Buch finden mußte, wenn nötig am anderen Ende der Welt. Es lag bis zum Morgen am Ufer des Meeres, halb im Sande und in der Trauer Jiří Wolkers begraben.
Apollinaire starb an einer Grippe. Wie wir beide diese Krankheit haßten! Heute, lieber Jiří, hasse ich, hasse ich der Krankheiten zwei.
Diese kurze und bei weitem nicht vollständige, die Verehrung und Bewunderung der tschechischen Dichter dokumentierende Aufzählung würde beweiskräftig noch die Reihe der Übersetzungen und Übersetzer aus den zwanziger- und dreißiger Jahren ergänzen. Damals kam auch die im Oktober 1924 als 26. Nummer der Revue L’esprit nouveau (Der neue Geist) herausgegebene, dem Leben Apollinaires gewidmete kleine Sammelschrift nach Böhmen.
Und Böhmen blieb auch diesmal nicht zurück. Die schon erwähnte Zeitschrift Devětsil gab zum zehnten Jahrestage von Apollinaires Tod unter der Redaktion Karel Teiges ein bedeutendes Sammelwerk heraus Souvenir de Guillaume Apollinaire. Außer der grundlegenden Studie des Redakteurs, die konstatiert, daß Guillaume Apollinaire in der Erinnerung seiner Zeitgenossen und Freunde (Paul Dermée, Francis Picabia, Jean Cocteau, Philippe Soupault und andere) als Mensch weiterlebt, in dem die schärfsten Extreme und Widersprüche sich berührten, revolutionärer Mut und entsagend ängstliche Zurückhaltung, Realität und Mystik, höchste Aktivität und großzügige Trägheit, traditionelle Disziplin und Freiheit der Invention und daß »Apollinaire uns ein Symbol des ›neuen Geistes‹ ist, für den wir kämpfen. Apollinaire bedeutet für uns die Achse, um die sich die gesamte moderne Dichtung dreht; sein Werk ist der Meilenstein, an dem für uns die Ära der Moderne beginnt.« Das Werk enthält auch eine große Zahl von Übersetzungen und ist reich mit ikonographischen Unterlagen versehen.
An Apollinaires Poetik knüpfte der tschechische Poetismus an, den im Jahre 1928 die Zeitschrift des Verbandes für moderne Kultur ReD, S. 317–346, proklamiert. Der Autor der Proklamation ist der alte Verehrer Apollinaires Karel Teige, der die Bedeutung der Kaligramme betont, die einige der optischen Gedichte Vítězslav Nezvals in der Sammlung Pantomime aus dem Jahre 1924 beeinflußten, ebenso wie Jaroslav Seifert, der Übersetzer des Ermordeten Dichters und der Brüste des Thiresias, in der Sammlung Auf den Wellen der TSF (Radio) aus dem Jahre 1925. Es mehren sich auch die Studien der bedeutendsten tschechischen literarischen Kritiker, Theoretiker und Dichter in Zeitschriften und Nachworten zu Buchausgaben der Übersetzungen von Apollinaires Werk. Laut František Götz »gebührt ihm unstreitbar der Ruhm des Dichters des ersten wirklich frei gewordenen Wortes, der ersten lyrischen Formgebung, eines Wegweisers«. A.M. Piša befaßt sich in dem Nachwort zu einer unveröffentlichten Anthologie eingehend mit dem Einfluß von Čapeks Übersetzung der »Zone« auf die junge tschechische Dichtung:
… Nicht nur, daß die Wirkung der »Zone« auf die damalige tschechische Lyrik nicht bei dem soweit merklichen Widerhall stehen blieb, es läßt sich kaum die Unmenge bloßer Anregungen durch das Werk des Dichters schildern, mit dem die tschechischen Leser außer durch die immer zahlreicheren Übersetzungsproben – eingeleitet von der bemerkenswerten Anthologie der neuzeitlichen französischen Dichtung Karel Čapeks – schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt durch Karel Teiges begeisterte und sachliche Studie bekannt wurden… Es gab damals kaum einen jungen Dichter in Böhmen, gleichviel ob Seifert oder Nezval, der nicht auf die eine oder andere Weise, bald tiefer, bald flüchtiger, Apollinaires Beispiel, um nicht zu sagen Muster, folgte. Schließlich wurde Apollinaire direkt zum magnus parens ihrer Dichtung, auch derer, die mit der Zeit der lyrischen Saite untreu wurden wie A. Hoffmeister und Z. Kalista, übrigens auch einer der Übersetzer des französischen Dichters… Und wohin immer die Bahn einzelner Repräsentanten der Generation der zwanziger Jahre später führen mochte, die Elemente von Apollinaires Beispiel, vielfach sublimiert und umgeformt, lebten fort in den Grundlagen ihres persönlichen Lyrismus. Und dieses in Dankbarkeit den Beziehungen der tschechischen Dichtung zu Apollinaire geweihte Kapitel könnte unzählige Beweise fruchtbarer internationaler Zusammenarbeit in der Sphäre künstlerischen Schaffens beibringen.
Wir zitieren noch einige Sätze aus dem Artikel Karel Teiges aus dem Jahre 1928:
Apollinaires dichterisches Werk ist eine mächtige Regeneration des Lyrismus, die zu den direkten Quellen der Poesie weist. Apollinaire ist, wie alle großen Geister, ein synthetischer Geist. Mit ultraempfindlicher Auffassungsgabe rezipiert er alle Impulse und Anzeichen, auch jene bloßen Ahnungen, die ›in der Luft liegen‹… Er ist das Resümee und Resultat weitverstreuter vorausgegangener Initiativen, Entdeckungen und langjähriger Entwicklung und als solches zur Vollkommenheit herangereift. Dieses schöpferische Resümée ist eine bedeutende Initiative… Unser Dichter ist ein großer Erfinder. Erfinder aber spielen gern zur eigenen Unterhaltung. Das Publikum begreift nicht, daß aus dem Spiel, dem Witz, dem Amüsement eine neue Schönheit entstehen kann… Für uns ist es die Achse aller modernen Dichtkunst: Sein Werk ist der Meilenstein, von dem aus wir die neue Ära des modernen Schaffens datieren, die Ära der Gegenwart, in der wir arbeiten und leben. Wir sind überzeugt, in den Defensiv- und Offensivkämpfen gegen den herrschenden Akademismus und Passéismus, den Aberglauben der Tradition und der Professoren, seinen Kampf zu kämpfen. In Paris und Prag, in den Städten, die in seinen Gedichten leben, im Glanze des allgemeinen freien und schöpferischen Frühlings der Kunst, überall begegnen wir seinem Gesicht und seinem Lächeln.
Auch der slowakische Dichter Laco Novomeský, der in Frankreich durch einige Übersetzungen in den Lettres françaises, bekannt ist, war hingerissen:
Für mich war es eine Offenbarung – eine großartige Dichtung, großartig deshalb, weil sie in ungewöhnlicher Rede gewöhnliche Dinge poetisierte, das gewöhnliche Leben gewöhnlicher Menschen…
Ebenso Nezval:
Mit dem einen Flügel die uferlose Modernität des großen Demokraten der Neuen Welt, Walt Whitman, berührend, mit der andern die alten romantischen Lieder, übermütig wie Bocaccio oder sein Freund Alfred Jarry, klassisch wie sein anderer Freund Jean Moreas, Sammler von Negeridolen und Legenden, denen er auf seinen Streifzügen durch Paris, am Rhein oder in Prag begegnete, schafft er in seinen achtunddreißig Jahren Werke, die für die Dichtung die gleiche Bedeutung haben wie – ich scheue mich nicht es zu sagen – für das menschliche Leben die Dampfmaschine oder die Elektrizität.
Nicht nur die Generation nach dem ersten Weltkrieg, zu der Konstantin Biebl gehörte, der in einem Gedicht sagt:
Man nennt uns die
aaaaaNachkriegsgeneration
die die Weinstuben bevölkert
indes wir tranken vom Weine des Weins
den Apollinaire getrunken,
sondern auch eine weit jüngere Generation, die des Dichters und Übersetzers von Apollinaire Milan Kundera, der gemeinsam mit Adolf Kroupa in einer grundlegenden Studie »Die große Utopie der modernen Dichtung – Apollinaire und sein Erbe« eine umfangreiche Anthologie vorbereitete, spürte weitere Einflüsse auf die jüngste tschechische Dichtung auf.
Der naive irdische Geist Apollinaires, der sich nach Neuem, Wunderbarem, Frohem sehnte, sein in die Zukunft blickender Geist lebte stets in ihnen allen (den französischen Surrealisten – Anm. des Autors), in Eluard, Prévert, Desnos, Aragon, Breton… Aber außerhalb Frankreichs lebte er nirgends in solcher Fülle wie in Böhmen. Zum großen Teil ist dafür Karel Čapek verantwortlich, der vier Gedichte Apollinaires vorzüglich übersetzte, darunter das bei weitem zündendste von allen, die »Zone«. Da die tschechischen Dichter Apollinaire größtenteils nicht im Original kannten, sondern nur aus Übersetzungen, kann man sich der Frage nicht erwehren: Welche Wege wäre die tschechische Dichtung gegangen ohne den reinen Zufall, daß gerade Karel Čapek die »Zone« übersetzte? Ohne die direkte Anregung der »Zone« ist schließlich weder Wolkers „Heiliger Hügel“ denkbar, noch Biebls »Neuer Ikaros«, weder Zavadas »Panychida« (die übrigens ein Zitat aus der »Zone« zum Motto hat), noch die großen Dichtungen Nezvals, ja mittelbar beeinflußt sie selbst die polythematischen Gedichte eines Šotola oder Šiktanc. Die Anregung durch Apollinaires »Zone« hat sich wahrscheinlich in keiner anderen Literatur so großartig und schöpferisch entwickelt wie in der tschechischen. Die Bedeutung Apollinaires für die tschechische Dichtung beruht allerdings nicht allein darin, daß die Apollinairesche Form großer polythematischer Gedichte hierzulande hervorragende Nachfolger fand. Es ist eher so, daß sich neben Frankreich in Böhmen am mächtigsten jene Apollinairesche dichterische Einstellung einlebte, die auf dem Vertrauen auf die große Befreiung des Menschen fußt und eine menschlichere Zukunft in berauschenden Versen antizipiert. Ich denke dabei insbesondere an den tschechischen Poetismus und Surrealismus und natürlich seinen Hauptvertreter – Nezval.
»… In Böhmen lebte sich am mächtigsten jene Apollinairesche Einstellung ein«, die nicht allein durch die Zitate der umfangreichen Literatur bestätigt wird. Man müßte auch eine umfangreiche Bibliographie der Übersetzungen hinzufügen und ihre Qualität charakterisieren, was bis zu einem gewissen Grade bereits in Vladimir Stupkas Studie »Autour des tracdutions tchèques d’Apollinaire« (Um die tschechischen Übersetzungen Apollinaires) in der 2. Nummer des III. Jahrganges der Philologica pragensia aus dem Jahre 1960 geschehen ist. Ihre Zahl wäre ein Beweis der Lebendigkeit, des dauernden Fortlebens Apollinaires in unserem Lande, wo er auch eine Reihe von Interpreten unter den bildenden Künstlern fand. Oft schuf eine musterhaft sorgfältige Editionsarbeit gemeinsam mit der Graphik Hervorragendes. (Der Autor dieses Buches hat sich damit in der von ihm redigierten Publikation Apollinaire und Böhmen, Prag 1961, befaßt.)
An der Spitze der tschechischen Illustratoren steht Josef Čapek, der für die Übersetzung der »Zone« in der Revue Červen im Jahre 1919 zwölf Linolschnitte, größtenteils auf den Versen beruhend: »In den Achaten des Veitsdoms erblickst du dein Antlitz dir graut« schuf. Durch wuchtige Stichelführung entstand im Wechsel von Schwarz und Weiß eine der Übersetzung kongeniale Illustration, und in einigen frei aufgefaßten bildnerischen Transkriptionen der Verse finden einen Zusammenhang mit der thematischen Welt der gleichzeitigen Ölgemälde Čapeks und auch mit der zeitgenössischen sozialen Kunst, die sich in der Graphik jener Jahre zu äußern beginnt. So schuf er zu den Versen »– Wie irr hab ich gelebt und meine Zeit verloren – du wagst es nicht mehr deine Hände anzusehen und willst nur weinen, weinen –« das Brustbild eines sitzenden Mannes, den Kopf in die Hände gestützt, und zu dem Doppelvers »Sie soll die Tochter sein eines Wachmanns aus Cannes – ich kenne ihre Hände nicht sie sind hart und zersprungen« – einen melancholischen Mädchenkopf von der Art derer, die damals nicht nur unsere Literatur erfüllten, sondern auch die Malerei und insbesondere die Graphik.
In der Buchausgabe ist die Illustration noch um zwei weitere Linolschnitte vermehrt, und diese apollinairehafte Buchplakette ist noch immer erfüllt von dem Duft der Zeit, der sich nicht verflüchtigt hat und sich nie verflüchtigen wird. Denn sie steht durch ihre Ausdruckskraft dem aufwühlenden Wirbel der Phantasie des Dichters nahe, die seine Verse zu der zauberhaften Schönheit neuer dichterischer Bilder entfaltet, ganz im Sinne seiner Worte:
Dichter sind nicht nur Menschen der Schönheit. Sie sind auch – und das vor allem – Menschen der Wahrheit… Und wer würde es wagen zu behaupten, daß für die, die der Freude würdig sind, nicht das schön ist, was neu ist…
Drei Jahre darauf erschien F.X. Šaldas Übersetzung der Erzählung „Der Wanderer durch Prag“ aus Hérésiarque et Cie. Später wurde diese Prosaerzählung von Jaroslav Zaorálek neu übersetzt und inspirierte zwei Illustratoren: Im Jahre 1924 Jan Konůpek und im Jahre 1926 abermals Josef Čapek, der jede der acht Geschichten dieses Werkes mit einem Linolschnitt begleitete, Jan Konůpek schuf sechs Radierungen für die Edition Saňka.
Die Ausgabe von nur zweihundert Exemplaren bot Jan Konůpek die Möglichkeit, seinen Stichel in diabolisch phantastischen Tönen spielen zu lassen, jeder Nuance der gespenstischen Dramatik der literarischen Fabel folgend, während Josef Čapek seine zweifarbigen Linolschnitte mehr lyrisch als dramatisch abstimmte. Jan Konůpek blieb nicht bei der Buchillustration stehen. In seinem Nachlaß befinden sich von Apollinaires Erzählungen inspirierte Aquarelle beträchtlicher Dimensionen.
In ihrer Kompositionsvariante, und durchaus nicht mehr illustratorisch, dichtet er insbesondere den »Wanderer durch Prag« in die bildende Kunst um.
Eine weitere Erzählung »Die Briefmappe der Dichter« illustrierten außer Josef Čapek noch zwei andere Graphiker. Für die Privatedition Berdoun schuf Jan Kotík drei, für den Druck der gleichen Erzählungen zum IV. Kongreß der Bibliophilen in Ostrau Jan Sládek zwei Linolschnitte.
Im Jahre 1926 kam zu den Illustratoren Apollinaires Josef Šíma. Zu Seiferts hervorragender Übersetzung des surrealistischen Dramas Die Brüste des Thiresias, herausgegeben bei Jan Fromek, schuf er vier mit Collage kombinierte Zeichnungen, deren attributive Füllsel die Hauptgestalten dieses am 23. Oktober 1926 in dem damaligen Osvobozené divadlo (Befreites Theater) aufgeführten Theaterstückes psychologisch charakterisieren sollten. Die gemischte graphische Technik, die Ausschnitte alter Xylographien in der Konzeption Šimas verwendet, bildet ein für die Avantgarde der zwanziger und dreißiger Jahre typisches Dokument, ebenso wie O. Mrkvičkas und K. Teiges farbige Umschlagentwürfe für den Ermordeten Dichter (1925) und Die sitzende Frau (1925). Sie waren von den derzeitigen typographischen Tendenzen beeinflußt, an denen zweifellos Apollinaire und die italienischen Futuristen Anteil hatten. Seine 1918 herausgegebenen Kaligramme mit Picassos Porträt des Dichters und seine früheren typographisch revolutionären Versuche fanden Widerhall in der tschechischen Buchgestaltung, wie die damaligen Editionen beweisen, zum Beispiel die erste Ausgabe von Seiferts Auf den Wellen der TSF, wo sich, in Apollinaires Tendenzen, mit den Gedichten auch ihre visuelle typographische Auffassung zu einer Einheit verbindet.
Später kommen Übersetzungen von Apollinaires Gedichten ohne Bildbegleitung heraus oder nur mit seinem Porträt, insbesondere dem von Picasso, erst 1933 und 1935 zwei von Toyen mit Bildern ausgestattete Anthologien, und nach dem Kriege im Jahre 1946 entsteht die illustratorische Konzeption Václav Mašeks, die sich von der vorhergehenden scharf unterscheidet. In seinem Holzschnitt für den Umschlag finden wir das erste tschechische ikonographische Dokument: ein Profil des Dichters (leider nicht auf persönlicher Kenntnis seines Gesichtes beruhend, sondern von französischer Porträtdokumentation und authentischen Porträts Picassos ausgehend) und ein Frontispiz, das ein zeichnerisches Dokument zu dem von Billy festgehaltenen Ausspruch sein könnte, mit dem Apollinaire empört die Zweifel einiger seiner Freunde über die Oktoberrevolution ablehnte:
Wer weiß, ob aus all dem nicht etwas Großes entsteht?
Die im Raum verschwindende Gestalt, zu der sich vor einem Mädchenakt ein Arm mit einem Stern in der Hand erhebt, ist nicht nur ein Symbol, sondern die fast wörtliche graphische Umschreibung von Apollinaires Verteidigung der Revolution.
Im Besitz des Graphikers befinden sich weitere zwanzig nicht publizierte Zeichnungen von hohem künstlerischem Wert.
Die Reihe der Illustratoren schließt Miroslav Troup ab in der von Gustav Francl zusammengestellten und unter dem Titel Schatten meiner Liebe (1957) von František Picka herausgegebenen kleinen Anthologie von Übersetzungen und ein Zyklus von Linolschnitten J. Veškrnas anläßlich des achtzigsten Geburtstages des Dichters.
Ein Sonderkapitel könnten auch die selbständigen Kunstwerke bilden, die die dynamische Phantastik von Apollinaires Versen und Prosa inspirierte. Ein Beispiel ist der schon zitierte Jan Konůpek, und man kann hier auch den Zyklus von Pastellen Z. Sklenářs, die während des Protektorates verloren gingen, sowie zwei Litographien und eine Porträtbüste des Dichters nicht übergehen. Eine Büste Apollinaires schuf auch der Prager Bildhauer Jan Cerný, von dem die Monumente mehrerer tschechischer Schriftsteller stammen. Zusammenfassend ist zu sagen, daß die Auswirkung von Apollinaires Vers- und Prosadichtung durch ihre Qualität inspirierend in die moderne tschechische Buchillustration eingriff, so sein kleines Buch Die kubistischen Maler aus dem Jahre 1912, das die damaligen tschechischen Künstler und Theoretiker mit den neuen Strömungen bekannt machte, an deren Spitze neben dem Dichter und begeisterten Interpreten der weltbekannten Persönlichkeiten seiner Freunde die Maler P. Picasso, G. Braque und andere standen. Jeder der tschechischen Illustratoren ging an Apollinaires Gedichte und Prosawerke mit seiner persönlichen Konzeption heran, und wenn manche der Illustrationen den Anschauungen ihrer Zeit unterworfen waren, so sind sie doch mehr als bloße Dokumente und bestätigen den Einfluß dieses faszinierenden Zauberers der Dichtung nicht nur auf dem Gebiete der Literatur, sondern auch der bildenden Kunst.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966







