Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCCXCIV)

»Als alles vorbei war, schritt Mme. de Kostrowitzki ganz allein durch die Friedhofsallee. In der Hand hielt sie die neue Soldatenmütze des Leutnants Wilhelm de Kostrowitzki. Es war das einzige Andenken an ihren Sohn, das sie mitnahm…«, schreibt Louise Faure-Favier in ihren Erinnerungen.

Die Saga des Geschlechtes der Kostrowitzki neigt sich ihrem Ende zu. Die Mutter, die wie Niobe wenigstens auf einen ihrer Söhne stolz sein konnte, überlebt ihn nicht lange. Sie stirbt

am 7. März 1919

in Chatou, einsam und verlassen, an der gleichen Krankheit, die Wilhelm dahingerafft hat. Sie folgt im Tode ihrem Freunde Jules Weil, der einige Tage vor ihr starb.

Einige Monate darauf kommt aus Mexiko die Nachricht, Albert de Kostrowitzki – der letzte des alten Geschlechtes, dessen geistiger Höhepunkt Guillaume Apollinaire war – sei nicht mehr am Leben.

Damit ist die Saga des Geschlechtes abgeschlossen. Wir können sie mit den Versen aus dem »Hügel« beenden, den Versen, die auf Wilhelms Grabstein zu lesen sind:

Endlich bin ich losgelöst
Von allen natürlichen Dingen
Ich kann sterben aber nicht sündigen
Was noch niemand berührt hat
Ich habe es berührt betastet
Durchforscht habe ich was niemand sonst
Sich nur vorzustellen vermag
Und unzählige Male habe ich
Das unwägbare Leben gewogen
Ich darf mit einem Lächeln sterben…

Im Jahre 1918 erlosch zwar das Leben des Dichters, aber zugleich wurde dieses Jahr zum Brunnen, über dessen Rand der Quell seiner Dichtung überfließt und sich in beispiellose Weiten, nicht nur durch Frankreich, sondern weit über dessen Grenzen hinaus ergießt. Als ob sich Max Jacobs Worte erfüllten, die dieser an einem lustigen Abend bei Marie Laurencin im Oktober 1911 ausgesprochen hatte, als dieser Dichter-Konvertit die Zukunft aus Apollinaires Hand las. Seine Weissagung beruhte zum Teil auf der Kenntnis von Apollinaires heißem Wunsche, Mitglied der Académie zu werden. Diese Schwäche war damals allgemein bekannt, wie auch aus Picassos Karrikatur hervorgeht, die ihn im akademischen Frack zeigt. Aber war es ein bloßer Scherz in heiterer Gesellschaft, daß Apollinaire nicht lange leben und erst nach seinem Tode berühmt werden würde? Er erlebte die Aufführung seines Theaterstückes Couleur de Temps (Die Farbe der Zeit) nicht mehr, auch nicht das Erscheinen seines richtunggebenden Artikels »L’esprit moderne et les poètes« (Der neue Geist und die Dichter) im Mercure. Das Tintenfaß auf seinem Schreibtisch – über das der Intransigeant am 10. November in der ersten Nachricht von seinem Tode schreibt – war schon geschlossen, langsam trockneten die Tränen »der jungen Frau, die er zurückließ und der alle Freunde ihr tiefstes Mitgefühl entgegenbrachten«, die Freunde, in deren »fröhlichem Kreis« er wohl fehlte, aber geistig und künstlerisch durch sein Werk stets anwesend war.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966