Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCCLXXXVI)
Am 15. April 1918
ist es soweit. Die Freude, die er dem Autor bereitet, wiegt alle bisherigen physischen und psychischen Leiden auf. Die Kaligramme, die übrigens aus Zeitschriften bereits bekannt sind, erregen einen wahren Aufruhr. Sie enthalten den Schlüssel zu Apollinaires neuer dichterischer Ästhetik und Verstechnik und erwuchsen aus seinem Streben, Dichtung und Malerei zu verbinden und zu identifizieren; deshalb ordnet Apollinaire darin den Vers der absoluten Phantasie unter, die keine Spur von Technik der alten Poetik mehr enthält. Er häuft und bindet Bilder, Wörter, ja selbst Buchstaben durch seine neue Methode so, daß sie ein dichterisches Wunder darstellen. André Billy macht ihnen einige typographische Mängel zum Vorwurf, und Apollinaire reagiert auf seinen Artikel durch einen grundlegenden Brief:
Mein lieber André, schon lange wollte ich Dir für den gemütvollen, schönen Artikel danken, den Du über die Kaligramme geschrieben hast. Er war von einem Menschen geschrieben, der die Dichtung liebt, und von einem wirklichen Freund. Gestatte, daß ich Dir darauf einiges entgegne. Ich finde ihn zu streng, soweit es sich um die Reproduktion handelt. Sie ist ein modernes Mittel, dem wir schwerlich entsagen können. Es ist das erste Buch dieser Art, und man kann nichts dagegen einwenden, wenn andere zu größerer Vollkommenheit gelangen als ich, der mit dieser Art Dichtung begonnen hat. Es ist ohnehin ein Kriegsbuch, vital, und ich glaube, wenn mir das Glück hold ist, wird es zu meiner Reputation als Dichter mehr beitragen als Alcools. Soweit es sich um den Vorwurf handelt, ich sei destruktiv, muß ich ihn nachdrücklich ablehnen, denn ich habe nie niedergerissen, sondern immer getrachtet aufzubauen. Auf den klassischen Vers wurde schon vor mir Sturm gelaufen. Ich habe ihn oft angewandt, so oft, daß ich zum Beispiel dem achtfüßigen Vers neues Leben eingehaucht habe. In der Kunst habe ich nichts zerstört, sondern nur getrachtet, neue Schulen zu fördern, aber nie auf Kosten der alten. Ich habe weder gegen den Symbolismus noch gegen den Impressionismus gekämpft. Ich habe öffentlich Dichtern wie Moréas Lob gespendet. Ich bin nie als Bilderstürmer aufgetreten, sondern als aufbauendes Element. Was die Kaligramme betrifft – sind sie die Idealform der Dichtung in freien Versen und der typographischen Präzision zu einer Zeit, wo die Typographie ihre Karriere mit Glanz beendet, zu einer Zeit, die der Vorbote neuer Reproduktionsmittel, des Kinos und des Phonographen, ist. Wenn ich diese Versuche einmal lasse, so deshalb, weil ich es müde sein werde, als Irrsinniger betrachtet zu werden, denn diese neuen Formen kommen allen absurd vor, die sich damit begnügen, ausgetretene Wege zu gehen.
Gott weiß, daß ich nichts wollte, als Kunst und Literatur neue Horizonte eröffnen, ohne dabei die Werte wirklicher Meisterwerke der Vergangenheit und Gegenwart in Frage zu stellen.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966







