
Die Welt sollte seine Universität sein
– Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom war ein glänzender Erzähler, berühmt wurde er gerade in Deutschland. Nun ist er gestorben. Nachruf eines guten Freundes. –
Cees Nooteboom kam immer gerade von irgendwoher, wo man selber noch nie war, und plante nach kurzem Aufenthalt eine Reise an Orte, wo man gerne auch einmal hinwollte – aber in der Zeit, die man mit ihm verbrachte, war er ganz bei sich: ein freundlicher Mensch, der gerne mit wenigen Freunden zusammensaß und trank und viel lachte, ein glänzender Erzähler, der in vielen Sprachen seine Abenteuer mit Büchern, Menschen und Ideen teilte, ein fleißiger Schriftsteller, der Gedichte, Romane, Erzählungen, Reisereportagen, Essays, Reden und Aufzeichnungen schrieb, die in unzähligen Einzelbänden und schließlich in einer monumentalen Gesamtausgabe in einem deutschen Verlag erschienen sind, bei Suhrkamp: Cornelis Johannes Jacobus Maria Nooteboom, der sich Cees nannte und nun im Alter von 92 Jahren auf Menorca gestorben ist, war der einzige niederländische Schriftsteller, dem eine solche Ehre zuteilwurde. Das war ein Triumph für ihn!
Denn zu Hause, wenn eine solche Zuschreibung bei ihm überhaupt sinnvoll ist, wurde er lange Jahre nicht annähernd so geschätzt. Immer hatte ein anderer die Nase vorn, wenn Preise, Ehrungen und Lob vergeben wurden, und besonders sein ihm nicht immer herzlich verbundener Freund Harry Mulisch erhielt trotz seines schroffen Charakters all die Zuwendung, die Cees vorenthalten wurde. Beide träumten vom Nobelpreis, der doch einmal einen Niederländer treffen musste!
Frederik Hermans, Gerard Reve, Hugo Claus (der Flame), Connie Palmen, Margriet de Moor, Lucebert, Leon de Winter – die immer reicher werdende niederländische Literatur hatte sich endlich von dem im frühen 19. Jahrhundert aufgekommenen Makel befreit, eine provinzielle Literatur zu sein. Wilhelm Dilthey hatte noch behauptet, dass es die Holländer nicht zu einer eigenen Poesie gebracht hätten, und Karl Rosenkranz hatte in seinem Handbuch einer Allgemeinen Geschichte der Poesie geschrieben: »Deutschem Ohre wird das niederländische Idiom immer fremdartig erscheinen, und nie ohne komischen Eindruck auf dasselbe sein.« Im Museum der modernen Poesie von Hans Magnus Enzensberger war den Niederländern kein Raum reserviert, auch in Walter Höllerers Theorie der modernen Lyrik kamen sie nicht vor.
Und plötzlich, zumal nach dem Auftritt der Niederlande auf der Frankfurter Buchmesse 1993, wurden holländische Autoren auf der ganzen Welt gelesen – und Harry Mulisch und Cees Nooteboom immer vorneweg. In seinen wunderbaren Berichten von der Insel von 2016 schreibt Cees: »Meine deutsche Übersetzerin hatte von mir und Mulisch geträumt. Sie sollte in Deutschland einen literarischen Abend mit uns organisieren, der aber nicht stattfinden konnte, weil ein totes Pferd im Saal lag. Wieder ein Pferd. Und Harry Mulisch ist tot, ich habe zusammen mit fünf Freunden seinen Sarg in die Stadsschouwburg getragen. Habe ich deshalb das Gefühl, ich müsse mich entschuldigen, weil ich ihn störe? Aber ich habe nichts getan, es ist der Traum von jemand anderem. Und dennoch, vielleicht möchte er nicht geweckt werden, vielleicht hat er keine Lust, in einem Traum zusammen mit mir aufzutreten. … Hätte ich Mulisch treffen wollen, auch wenn es im Traum eines anderen war? Ich denke schon, es gibt vieles, was ich ihm noch sagen muss. Ob er es würde hören wollen, ist eine andere Frage.«
Kennengelernt habe ich diesen lieben Freund Cees in den Siebzigerjahren, als er – elegant gekleidet, selbstbewusst und sprachbegabt – während der Frankfurter Buchmesse an den Stand des Hanser Verlags kam und fragte, ob er für seine Zeitschrift Avenue Gedichte von mir übersetzen dürfe. Ich hatte bei Poetry International in Rotterdam vorgelesen, dem damaligen Zentrum für internationale Poesie, und viele niederländische Dichter kennengelernt, Bert Schierbeek und Remco Campert vor allem, die mich empfohlen hatten. Seither war unser Gespräch nicht abgerissen, nicht einmal dann, als beide Platzhirsche einen Verlag in Deutschland suchten und wir uns bei Hanser, die wir uns zwei Holländer auf einen Schlag »nicht leisten konnten«, für Mulisch entschieden, der mit seinem Roman Die Entdeckung des Himmels einen großen Erfolg hatte – aber nach einem enthusiastischen Hinweis von Marcel Reich-Ranicki auf Die folgende Geschichte von Cees überholt wurde.
Zweimal im Jahr kamen Cees und seine liebe Frau, die Fotografin Simone Sassen, nach München, wo wir mit Freunden im Freisinger Hof große Gelage abhielten, oft mit Lothar Schirmer, in dessen Verlag Cees und Simone eine Reihe von Foto- und Kunstbüchern verlegt hatten, und mit unseren gemeinsamen Freunden Rüdiger und Gisela Safranski aus Berlin – »Rüdiger« ist die wichtigste Person in Nootebooms Roman Allerseelen, der in Berlin spielt. Berlin (und Deutschland) war für Cees ein zentraler Ort, dort lebte er, als endlich die Mauer fiel, wie man in seinem bis heute lesenswerten Berliner Tagebuch nachlesen kann. Dort lebten einige seiner besten Freunde wie der Maler Max Neumann, mit dem er eine Reihe von Büchern im Verlag Kleinheinrich gemacht hat, oder Achim Sartorius, der ungarische Ästhetiker László F. Földényi oder Antje Ellermann, auf deren Hof im Allgäu Cees in jedem Frühjahr ein paar Monate in Ruhe schreiben konnte – bis es ihn in die Welt zog oder nach Menorca, wo er ein Haus hatte.
»Wie viele Deutschlands habe ich in meinem allmählich doch recht langem Leben gekannt?« fragt Cees, der nie studiert hat und dessen »Universität die Welt sein sollte«, in seinem Tagebuch: »Deutschland, das große Land. Es liegt in der Mitte unseres müden Kontinents und tut sich schwer mit seinem Gewicht und seiner Vergangenheit.« Von Deutschland kam er nicht los, in Deutschland wurde dieser Autor, dessen Vater am Ende des Krieges versehentlich von einer britischen Bombe getötet wurde, zu einem berühmten Autor.
Die folgende Geschichte blieb sein bekanntestes Buch. Es ist eine kurze, intensive Meditation über den Tod: Ein ehemaliger Lehrer für Griechisch und Latein wacht in Lissabon auf, obwohl er Stein und Bein schwört, am Vorabend in Amsterdam ins Bett gegangen zu sein. Die Szene vom Tod des Sokrates spielt in seinem Buch eine zentrale Rolle, und ich wünsche mir, dass Cees so gestorben ist, wie es der Legende nach von Sokrates heißt: Sokrates wird von den jungen Männern, die dabei sind, ihm den Becher mit Gift zuzubereiten, gefragt, warum er trotz seines nahen Todes unablässig ein Lied auf seiner Flöte übe. Damit ich es, ist dessen Antwort, wenn ich sterbe, spielen kann.
Michael Krüger, Die Zeit, 12.2.2026
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Ludger Kazmierczak: Niederländischer Autor Cees Nooteboom gestorben
Carola Wiemer: Der Welt-Flaneur
Paul Stoop: Zum Tod von Cees Nooteboom
Ein Gespräch mit Rüdiger Safranski zum Tod von Cees Nooteboom
Gedenktage
Zum 85. Geburtstag des Autors:
Tobias Wenzel: Zum 85. Geburtstag von Cees Nooteboom
NDR, 30.7.2018
Karsten Jauch: Von der Anschauung der Welt: Autor Cees Nooteboom feiert 85. Geburtstag
Thüringer Allegmeine Zeitung, 31.7.2018
Sabine Peschel: Cees Nooteboom – Meister der Erinnerung
Deutsche Welle, 31.7.2018
Tobias Wenzel: Cees Nooteboom wir 85
SWR2, 31.7.2018
Cornelia Zetsche: Cees Nooteboom zum 85. Geburtstag
Inforadio, 31.7.2018
Zum 90. Geburtstag des Autors:
Stefan Meetschen: Katholischer Ungläubiger
Die Tagespost, 28.7.2023
Jens Dirksen: Ein melancholisches Glückskind
WAZ, 28.7.2023
Kristian Teetz Interview mit Cees Nooteboom: „Natürlich wäre der Nobelpreis schön gewesen“
RedaktionsNetzwerkDeutschland, 31.7.2023
Arno Widmann: Das Ich und die anderen
Frankfurter Rundschau, 31.7.2023
Lothar Schröder: Der reisende Holländer
Rheinische Post, 31.7.2023
Tilman Spreckelsen: Es ist an den Menschen, weiterzuschreiben
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.7.2023
Norbert Schreiber und Cees Nooteboom: „Ich habe mein Leben zweitgeteilt.“
Tobias Wenzel: Schreiben und Kakteen pflegen. Cees Nooteboom wird 90









