Immer erinnert etwas an etwas
– Der rumäniendeutsche Schriftsteller Franz Hodjak hatte eine mönchische Ernsthaftigkeit, die er mit Sprachwitz konterkarierte. Nun ist er im Alter von 80 Jahren gestorben. –
Er war die imposanteste Erscheinung der sogenannten rumäniendeutschen Literatur: Die tiefe Stimme, die große Statur und insbesondere der zottige, zur Brust hin ausfransende Bart haben Franz Hodjak etwas Mönchisches verliehen, eine ungeheure Ernsthaftigkeit, die er aber stets mit seinem Sprachwitz zu konterkarieren wusste. Er verstand seine Arbeit am literarischen Text als ein Bosseln. Den Begriff hatte er dem Vokabular der bildenden Künstler entlehnt und in einer Gesprächsrunde selbst erläutert: Das Bosseln oder Bossieren diene dem letzten Schliff des Artefakts mit einem an dessen Spitze mit Kugeln versehenen Meißel.
Damit zog er eine scharfe Grenze zwischen seinen häufig biographischen Stoffen und der literarischen Form, mit der er sie in Szene gesetzt hat: »Mit mir hätte ich weniger zu tun gehabt, / hätte es diese anderen nicht gegeben, die gewaltsam / versuchten, die Sprache zu besetzen, die Erinnerung // zu enteignen, mich aus den Träumen zu werfen«, heißt es in einem jüngeren Gedicht von ihm, mit dem er das Paradox seiner schriftstellerischen Tätigkeit auf den Punkt gebracht hat: Ohne jene anderen wäre das Leben unbeschwerter verlaufen, doch ohne sie hätte es keine poetische Selbstbezeugung gegeben. Sprechen, Erinnern und Träumen wären selbstverständliche Ausdrucksformen geblieben und nicht zum schützenswerten Kapital des Menschen geworden, der zu einem genuinen Dichter wird, indem er es verteidigt.
Ernüchtert von vielen vergeblichen Anträgen auf einen Reisepass
Hodjak gehörte unter den rumäniendeutschen Schriftstellern, die aus ihrem Geburtsland nach Deutschland emigriert sind, zu den Nachzüglern. Er kam erst 1992 hier an. Dass sein ungewöhnlich langer Verbleib in Rumänien nicht freiwillig war, belegt eine Anekdote, die sich sein rumäniendeutscher Freund Peter Motzan entlocken ließ. 1988, ernüchtert von den vielen vergeblichen Anträgen auf einen Reisepass und der Unmöglichkeit, Einladungen ins Ausland nachzukommen, drohte Hodjak in seiner Funktion als Lektor des Klausenburger Dacia-Verlags ein oppositionelles »Protest-Happening« an. Er würde an seinem Arbeitsplatz in Frauenkleidung erscheinen, ließ er verlauten, in einem Carmen-Kostüm. Damit handelte er sich eine Vorladung zum örtlichen Chef-Securisten ein, aber auch die Genehmigung seiner ersten Auslandsreise.
Es ging in die DDR, wo sein ostdeutscher Lektor- und Schriftstellerfreund Wulf Kirsten auf ihn wartete. Der gab noch im selben Jahr eine breite Gedichte-Auswahl von Hodjak unter dem Titel Sehnsucht nach Feigenschnaps bei Aufbau heraus. Seinem unfeierlichen Ton von damals, seiner Ironie, Lakonie, Pointiertheit, Sentenzhaftigkeit und Illusionslosigkeit ist der Vielschreiber und Vielpublizierer Hodjak bis zuletzt treu geblieben, sei es in der Lyrik, der Prosa oder der Aphoristik.
Hodjaks Literatur ging vor allem in der Rückschau auf die Nachkriegszeit in Rumänien bis 1989 auf. Das Elend, das die »Blütezeit / roter Gespenster« unter Gheorghe Gheorghiu-Dej und dann Nicolae Ceaușescu über Rumänien brachte, war eines seiner Lebensthemen und brachte ihm 1990 sogar den Jurypreis der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt ein. Doch seine Erinnerung bahnte sich immer wieder einen Weg zu Exklaven der Glückseligkeit:
der Heuduft erinnert
an helle Nächte in den Karpaten. Immer
erinnert etwas
an etwas. Vielleicht ist das eine endlose
Folge, die man aus Verlegenheit
Ewigkeit nennt.
Wie seine Familie mitteilte, ist Franz Hodjak am Sonntag im Alter von 80 Jahren gestorben.
Alexandru Bulucz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.7.2025
Lesung
Nachrufe
Gedenktage
Zum 60. Geburtstag des Autors:
Peter Motzan: „Ich wohne in einem Türrahmen“
Ostragehege, Heft 35, 2004
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Tom Schulz: Sehnsucht nach Feigenschnaps
Neue Zürcher Zeitung, 26.9.2014
Georg Aescht: Mühlen antreiben, doch welche? Franz Hodjak (70) weiß Letzteres nicht und tut Ersteres erst recht
Siebenbürgische Zeitung, 19.10.2014
Zum 80. Geburtstag des Autors:
Alexandru Bulucz: Meister der Erleidenslyrik
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.9.2024