Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCCLXXIII)

Am 26. Juni 1917

erscheint im Paris-Midi unter dem Titel »Ein kubistisches Theaterstück« eine Kritik von Paul Soudaye, die konstatiert, daß das aus Künstlern und jungen Leuten bestehende Publikum guter Laune gewesen sei. Aber einige kubistische Maler arbeiten eine Resolution aus, in der sie sich beschweren, Apollinaire habe sie lächerlich gemacht. Der Dichter fürchtet eine Polemik, aber die Sache wird bald beigelegt und das Drama sogar von den Pariser Dadaisten als dadaistisches Stück angenommen, in dem der Autor die sich patriotisch gebärdende Populationspropaganda verlache.

Damals sieht Apollinaire schon die Stelle eines Zensors und ist mit der Zensur der untergeordneten Zeitschriften betraut. »Ich habe mit meinen eigenen Augen den Zensor Apollinaire mit einem blauen Bleistift und gestrengen Augen die Abzüge des Sic überprüfen sehen…«, schreibt André Billy in seinen Erinnerungen und erzählt, wie der Dichter für Paris-Midi, wo die beiden ebenfalls gemeinsam arbeiteten, Depeschen aus London oder New York erfand. »Es gibt keine bessere Art, die Ereignisse zu beeinflussen«, sagt er dazu mit halb ernstem Humor. Ist die Arbeit getan, freundet er sich mit den Setzern und Zeitungsausträgern an, die er durch seine gründliche Kenntnis ihrer Arbeit, sein Wissen in Erstaunen versetzt, durch seinen Witz und die Wärme seiner Menschlichkeit für sich gewinnt. Die Zensurarbeit wird durch Apollinaires Versetzung in das Kabinett des Kolonialministers Henri Simon, eines Liebhabers von Kunst und Literatur, abgelöst. Hier hat er Gelegenheit, Kolonialbeamte zu treffen und seine Kenntnisse der Negerkunst zu überprüfen, was ihm in der Vorrede zu der in der Galerie Paul Guillaume veranstalteten Ausstellung von Negerplastiken zugute kommt. Der neue Dienst gewährt ihm mehr freie Zeit für seine literarischen Arbeiten. Er besucht den Handschriftensammler Jacques Doucet, beginnt ein weiteres Theaterstück, Couleur du Temps (Farbe der Zeit), ein Drama in drei Akten und sieben Bildern. Er setzt sich darin mit Frieden und Krieg auseinander, der diesem das Leben liebenden Menschen eine gehörige Dosis Pessimismus eingeimpft hat, und da er weiß, daß es keine Bühnenaufführung erleben kann, erwägt er eine Buchausgabe. Zum Illustrator wählt er den hervorragenden Graphiker Laboureur. Der Künstler zeichnete eine für trockene Nadel gedachte Skizze, aber die Buchausgabe scheitert wie viele andere von Apollinaires Plänen.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966