Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCLIX)
Den Wünschen seiner Freunde aus dieser Gruppe nachkommend, hält er
am 11. Oktober 1912
auf ihrer Ausstellung einen Vortrag über das Thema »Die Spaltung des Kubismus«. Zum erstenmal gebraucht er die Bezeichnung Orphismus. Außer Apollinaire spricht noch Maurice Reynal über die Prinzipien und die Ästhetik des Kubismus. Damals scheint auch ein weiterer Ausflug ins Auge gefaßt worden zu sein. Gabrielle Buffet, Picabias Frau, lädt Apollinaire und Marcel Duchamp auf das Gut ihrer Mutter im Jura ein. Man spricht dort von Apollinaires Buch, und der Dichter liest den Freunden sein neuestes langes Gedicht »Cri« (Der Schrei), später »Zone« betitelt, vor, das eines seiner berühmtesten wird.
Die »Zone« befruchtet die poetische Weltliteratur, und es besteht kein Zweifel über Apollinaires neue Poetik, wenn auch häufig auf die Gleichartigkeit mit Cendrars »Pâques à New York« (Ostern in New York) hingewiesen wird. Jean Mollet schildert in den Lettres françaises vom 11. November 1948 Apollinaires Überraschung, als er nach Beendigung der »Zone« Cendrars liest und die Verwandtschaft beider Texte entdeckt, die die Gefühls- und Anschauungswelt der damaligen Zeit und die neue dichterische Technik beider Autoren dokumentiert.
Die »Zone« bedeutet einen Meilenstein in der modernen Literatur wie Picassos Gemälde in der Malerei. Der tschechische Kritiker Kvêtoslav Chvatik wertet in seinem Buch Bedřich Václavek und die Entwicklung der marxistischen Ästhetik die »Zone« folgendermaßen:
Es ist, als ob die Dichtung mit diesem Werke plötzlich Schulter an Schulter mit der bildenden Kunst stünde und eine Wandlung nicht nur im Thema, sondern auch in der gesamten Weltanschauung vollzogen hätte. In der dynamischen Polythematik, in der raschen Folge einzelner in freier Assoziation verbundener Bilder, Realitäten und Bruchstücke von Begebenheiten, in der Durchdringung der inneren und äußeren Welt, in der neuen, von Groteske und Ironie durchsetzten Atmosphäre von Melancholie entstand eines der Werkzeuge zum Festhalten des komplizierten Rhythmus der modernen Zeit, der in Apollinaires Dichtung ebenso pulsiert wie in Picassos Gemälden, in Chaplins und Eisensteins Filmen, in der Musik Prokofjews. Die junge Generation, die sich um S.K. Neumann scharte, meldete sich mit Recht zu diesem Gedicht als Vorzeichen ihrer ästhetischen Einstellung. (Als die Zeit heranreifte, wurde die Poetik der »Zone« von Wolker in seinem „Heiligen Hügel“ angewandt und von Nezval in »Edison« und »Signal der Zeit«, zum Ausdruck des komplizierten Klassencharakters der neuen Zeit.) K. Teige schreibt damals in Neumanns Zeitschrift Kmen (Der Stamm) eine eingehende Studie über Apollinaire, und mit dem Titel seines Gedichtes wird eine der Rubriken der Brünner Zeitschrift Devêtsil überschrieben. Apollinaire, gemeinsam mit Henri Rousseau, Chaplin, und L. Philippe werden die Patrone der jungen tschechischen Dichtung.
Die »Zone« hat verhältnismäßig früh Karel Čapek ins Tschechische übersetzt. Die Publikation der tschechischen Übersetzung wurde jedoch durch die Kriegsereignisse aufgehalten. Mit Linolschnitten Josef Čapeks wurde sie erst im I. Jahrgang der Zeitschrift Červen (Juni), die der Dichter Stanislav Kostka Neumann redigierte, gedruckt. Jaromír Lang, der sich in einer Monographie mit dieser künstlerisch revolutionären Zeitschrift befaßt, charakterisiert den ersten Jahrgang von 1918–1919, in dem von Seite 291 an die Verse von Čapeks einzigartiger, kongenialer Übersetzung erklingen, als Blatt, »das in der Tschechoslowakei den neuen Modernismus ins Leben rief, in dem eine wenigstens für die junge Dichtung so epochale Sache herauskommen konnte, wie Apollinaires ›Zone‹ in Čapeks Übersetzung«. Wenn wir die Aussprüche tschechischer Dichter, Literarhistoriker und Kritiker über Apollinaire und insbesondere die »Zone« zitieren wollten, müßten wir viele Seiten damit füllen. Dieses Verhältnis zu dem Begründer »des neuen Geistes in der Dichtung« wird der tschechischen Literatur immer zur Ehre gereichen. So empfiehlt zum Beispiel der Dichter Jiří Wolker seinem Freunde Zelený in einem Briefe vom 26. August 1923 das Studium Apollinaires, dessen Werk er als »die Wiege der modernen Dichtung« bezeichnet. Seine Wertung möge auch für alle anderen gelten.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









