Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CLXVI)

Am 1. Mai 1909

erscheint in der 285. Nummer des Mercure de France das bisher längste Gedicht Apollinaires, das Klagelied über die unerwiderte Liebe zu Annie Playden, der berühmte »Chanson du mal-aimé« (Gesang des Ungeliebten). Nach dem zweiten Vers der ersten Strophe ist es im Jahre 1903 entstanden, die zweite Strophe lokalisiert es in London. Das Manuskript hatte Apollinaire an den Mercure gesandt und vergeblich auf Veröffentlichung in dieser seriösen Revue gewartet. Paul Léautaud, dem das Gedicht gewidmet ist, schreibt rückerinnernd, daß er den Autor einige Zeit vor dem Erscheinen des »Chanson« kennenlernte. Gelegentlich bat er ihn um einen Beitrag, und Apollinaire erwiderte, er habe ihm schon ein Gedicht gesandt. Léauteaud durchsucht daraufhin die Schubladen der Redaktion, findet und druckt es sofort. Das ist der Beginn von Apollinaires langjähriger Zusammenarbeit mit dem Mercure, die selbst der Krieg nicht unterbricht und die erst mit dem Tode des Dichters endet.

Der »Chanson du mal-aimé« ist die dichterische Urform, aus der später die »Zone« hervorgeht. Apollinaire schildert darin poetisch – so schreibt er am 30. Juli 1915 an Madeleine Pagès – durch Verweben von Traum und Wirklichkeit, unter Aufgebot all seiner symbolistischen und historisierenden Technik seinen damaligen Seelenzustand – und schuf damit eine neue dichterische Realität von ungeheurer Gefühlsintensität.

Für die Interpretation treten hier mehrere Fragen und Probleme auf. Insbesondere die Benennungen der sieben Schwerter und die Antwort der Saporosher Kosaken an den Sultan von Konstantinopel. Décaudin wirft in dem »Dossier d’Alcools« (Kommentar zu Alcools) die Frage auf, ob Apollinaire etwa eine der Studien zu Repins berühmtem Bilde, eventuell die definitive Komposition und vielleicht sogar den Text des wirklichen Dokumentes kannte und einige Ausdrücke daraus übernahm. Es ist durchaus möglich, daß er als der leidenschaftliche Leser, der er war, irgendwo auf den Text des Originales stieß, es kann aber auch sein, daß ihn einer der russischen Intellektuellen, die sich damals in seiner Umgebung bewegten, mit diesem Text und auch mit einer Reproduktion von Repins Gemälde bekannt machte. Übrigens ist es nicht ausgeschlossen, daß es Professor Décaudin bei der systematischen Verarbeitung von Apollinaires Hinterlassenschaft noch gelingen wird, das Problem zu klären und zu lösen.

Am gleichen Tage erscheint im Voile de Pourpre (Purpurschleier) ein Zyklus von sechs unter dem Titel »Poèmes rhénanes“ (Rheinländische Gedichte) zusammengefaßten Gedichten: »Le Jour des Morts« (Der Tag der Toten), »Le vent nocturne« (Nachtwind), »Elégie«, »Crépuscule“ (Dämmerung), »Les Sapins« (Die Tannen) und »La Vierge à la fleur de haricot« (Die Madonna mit der Bohnenblüte), alle von seinem Aufenthalt im Rheinland inspiriert. »Le vent nocturne« ist auf dem handschriftlichen Entwurf »Neu-Glück 1901« datiert und lokalisiert, ebenso »Les Sapins«. Annie Playden bestätigt später den Widerhall der damaligen Umwelt in den Erlebnissen des Dichters. So regte ihn zu dem letzten der Gedichte das berühmte Gemälde im Kölner Dom »Die Madonna mit der Bohnenblüte« an, das jetzt in der Kölner Galerie hängt.

Das gnädig-liebliche Gesicht der Madonna, »einer blonden Jungfrau mit blauen Augen«, erinnert den Dichter an Annie Playden und gibt insbesondere zu der Schlußstrophe dieses Gedichtes über das Kölner Triptychon Anlaß, das Guillaume »mit der Inbrunst eines Christen oder Liebenden schildert«.

Im übrigen scheinen Mai und Juni ohne besondere Ereignisse verlaufen zu sein, aber Apollinaire ist nicht untätig. Er pflegt den Verkehr mit Montfort noch eifriger, und im Laufe ihrer Gespräche entsteht der Plan zu einer Artikelserie »Contemporains pittoresques« (Kaleidoskop von Zeitgenossen), mit der er betraut wird. Wahrscheinlich verhandelten sie auch schon damals über die Herausgabe der Werke des Marquis de Sade und des ersten selbständigen Buches Apollinaires L’Enchanteur pourrissant (Der verfaulende Zauberer).

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966