Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CXX)
Am 25. März 1907
kommen die Zeugen endlich zusammen und erledigen die Sache gütlich. Es wird ein Gedenkprotokoll angefertigt, das alle Zeugen unterzeichnen:
Infolge des Briefes, den die Herren Jean de Mitty und Max Jacob, Zeugen Herrn Guillaume Apollinaires, am 21. März Herrn Max Daireux sandten, trafen sich mit ihnen am 25. März die Herren Baron François de Montremy und Graf de Failly, die Zeugen des Herrn Max Daireux. Nach gründlicher Überprüfung und reiflicher Erwägung der Worte, durch die sich Herr Guillaume Apollinaire beleidigt fühlte, kamen die vier Zeugen einstimmig zu dem Schluß, daß diese Ausdrücke keinen Beleidigungsgrund bilden und betrachten infolgedessen den Fall als abgeschlossen.
Die Zeugen binden sich durch Ehrenwort, dieses Memorandum nicht weiter zu verbreiten.
Für Herrn Max Daireux
Baron de Montremy
Comte de Failly
Für Herrn Guillaume Apollinaire
Jean de Mitty
Max Jacob
Doppelt ausgefertigt in Paris am 25. März 1907.
Die Angelegenheit wird vergessen, aber nach Jahren taucht sie wieder auf. Dem Ehrengericht gibt Max Jacob einen etwas humoristischen Epilog. Er berechnet nämlich Apollinaire seine Auslagen, wie Fernande Olivier aufzeichnet, die den Fall etwas anders darstellt:
Mit Apollinaire begann man damals in literarischen Kreisen zu rechnen. Er befaßte sich mit journalistischer Kunstkritik, arbeitete in der Phalange mit Royer zusammen, der diese Zeitschrift leitete, und in der Marges mit Montfort… man konnte Apollinaire jederzeit in Eile sehen, ein Paket Zeitschriften oder Bücher unterm Arm, immer zwischen zwei Beratungen, Sondervorstellungen, Artikeln, Banketten oder Sitzungen.
Er war der Vertrauensmann Jean de Mittys im Cri de Paris und ein Brunnen allen Pariser Klatsches. Um die fünfte Nachmittagsstunde konnte man diese beiden vertrauten Freunde im Napolitain in endlose Gespräche verwickelt antreffen…
Wann immer und bei jeder Gelegenheit – in der Tür, zwischen zwei Aperitiven, zwischen dem Vorlesen literarischer Erstlingswerke – brachte es Apollinaire zuwege, ein neues Gesicht zu präsentieren. Er war ein stets beschäftigter Mensch, der sich selbst unterhielt wie ein Kind, sich mit seinem jungen Ruhm und seinen bedeutenden Beziehungen gern brüstete.
Einmal kam er mit gerunzelter Stirn zu Picasso.
Diese Stirnfalte kannten wir gut, sie bedeutete Unzufriedenheit. Diesmal war er gegen seine Gewohnheit ernst, feierlich und sorgenvoll. Er kam, Picasso und Max Jacob um ihre Teilnahme an einer schweren Prüfung zu bitten…
Er sollte ein Duell ausfechten, Max Jacob sollte nach Jean de Mitty sein zweiter Zeuge sein. Er wollte Max Daireux strafen, von dem er sich beleidigt fühlte.
Dieser Journalist hatte sich tatsächlich bei irgendeinem Bankett gestattet, sich auf Apollinaire zu berufen und Apollinaire dabei offenkundig provokativ angesehen. Sein ironischer Ton verdiene, wie Guillaume erklärte, Strafe.
Apollinaires Großsprecherei lag ganz an der Oberfläche. Er war aber durchaus erfüllt von seiner eigenen Bedeutung, so daß man leicht einem Irrtum unterliegen konnte. Das war etwas für die lauernde Phantasie Max Jacobs, vielleicht war auch ein wenig Angst dareingemischt. Trotzdem nahm er die Funktion eines Sekundanten an.
Picasso faßte die Sache natürlich als Scherz auf. Jean de Mitty, ein bekannter Raufbold, nahm die Verantwortung für das Zustandebringen eines Vergleiches auf sich, und hoffte, daß es nicht gelingen werde.
Daß es nicht zum Duell kam, war nicht sein Verdienst, sondern das der beiden Gegner, von denen weder der eine noch der andere Lust hatte, sich zu schlagen. Alles wurde auf gütlichem Wege geregelt. Welch eine Verrechnung von Ausgaben legte aber – zu Apollinaires Erbitterung – sein zweiter Zeuge Max vor! Selbst Apollinaire mußte schließlich darüber lachen.
Urteilen Sie selbst:
1. Tag:
9 Uhr: kleiner Kaffee für den zweiten Zeugen = 0.10
10 Uhr: eine Schachtel Streichhölzer für den zweiten Zeugen, der seine zu Hause vergessen hatte = 0.10
11 Uhr: ein Brötchen für den Zeugen, der nicht rechtzeitig zum Essen kommen würde = 0.05
12 Uhr: eine Zeitung für den Zeugen, der wartet und sich langweilt = 0.05
5 Uhr: Einladung des ersten Zeugen von dem zweiten Zeugen zu einem Aperitiv = 1.20
2. Tag:
Unter anderem lädt der Zeuge den »Gegner« zu einem Aperitiv ein, um ihn zu erweichen usw. usw.
So erschienen zwei lange Rechnungen, deren Summe, so unbedeutend sie auch war, Guillaume zwang, über das Risiko nachzudenken, dem er sich durch ein neues Duell aussetzen würde.
Nie wieder hatte er eines…
Während der Schritte, die zum Zwecke der Aussöhnung unternommen wurden, erwartete Apollinaire bei Picasso doch recht ängstlich das Resultat, das eine gegenseitige Entschuldigung zur Folge haben sollte…
So endet die Komödie, die zum Drama hätte werden können, und die Ehre des Dichters ist gerettet.
Damals denkt Apollinaire schon daran, sich von Mutter, Bruder und Jules Weil freizumachen, mit denen er noch immer in Vésinet wohnt. Es ist kein Zerreißen der Familienbande, er ist in der Familie ohnehin mehr oder weniger zu Gast. Öfter als in Vésinet übernachtet er im Hotel d’Amsterdam, zu Hause zeigt er sich nach den Worten seiner Mutter nur von Zeit zu Zeit, »um die Wäsche zu wechseln«.
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









