Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(XCVII)
Juli 1904.
Apollinaire gewinnt mit einem langen Artikel über die „Thais“ von Anatole France Zugang zu dem Mercure de France, und dies ist der Anfang einer fast zwanzigjährigen Zusammenarbeit mit dieser geschätzten, fast offiziellen Zeitschrift, auf deren violettem Umschlag von nun an unter den übrigen literarischen Größen oft auch Apollinaires Name zu lesen ist.
Die freundschaftlichen Beziehungen mit Jarry, Feneon und Fagus vertiefen sich. Apollinaire nennt sie damals seine besten Freunde aus Schriftstellerkreisen. Da er weder mit ihnen noch mit anderen in seinem eigenen Hause zusammenkommen kann, übrigens auch sie kein nennenswertes Heim ihr Eigen nennen, verlegen sie ihre Zusammenkünfte in verschiedene Bars und kleine Bistros, wo nicht nur leidenschaftlich und glühend diskutiert, sondern auch getrunken wird. Die Erinnerungen Fernando Oliviers sagen darüber:
Das Jahr der Gnade 1904 war für Picassos Bande besonders, wie man so sagt, lebhaft.
Die Herren kamen des Nachts oft betrunken nach Hause und schrien, schimpften, sangen und deklamierten auf ihrem Lieblingsplatz, der übrigens dergleichen schon mehr gesehen hatte. Sie weckten die Nachbarschaft mit Revolverschüssen. Das war Picassos Manie. Er trug immer einen kleinen Browning bei sich.
(Es war übrigens nicht nur Picassos Manie. Auch Jarry schoß gern mit dem Revolver. Er fuhr auf einem Fahrrad, und statt zu läuten warnte er die Fußgänger durch Revolverschüsse.)
Fernande Olivier fährt fort:
Guillaume Apollinaire lernte ich bei Picasso kennen, am Morgen nach einer solchen Nacht, wo ihr Lärmen mich um den Schlaf gebracht hatte. Die morgendliche Rückkehr der Bande war mehr als stürmisch gewesen. Ihr Geschrei hatte das ganze Viertel geweckt. Damals beteiligte sich auch Jules Laforgue an dem Zug. Man hörte nichts als: »Fort mit Laforgue! Pfui Laforgue!« Die Ursache dieser wilden Erbitterung habe ich nie herausbekommen können.
Apollinaire trug einen hellbraunen Anzug aus starkem englischen Stoff, den er besonders liebte, und einen flachen Hut aus grobem Stroh, der für seinen Kopf zu klein schien… Er war ein Gemisch edler Gesinnung und einer gewissen Art von Derbheit, die sich in kindischem, zügellosem Lachen äußerte. Er hatte die feinfühligen, plastisch ausgeprägten Hände eines Priesters… Alle diese Eigenschaften waren jedoch dadurch gedämpft oder besser gesagt gemäßigt, daß er wie ein braves, ruhiges und feines, ernstes und sanftes kleines Kind aussah, dem alle vertrauensvoll zuhörten, sobald es zu sprechen begann – und er sprach viel. Ein lieber, kultivierter, wirklicher Künstler, und was für ein Dichter! Ich möchte ihn nicht überfeinert sensitiv nennen, eher von einer kindlichen, jünglinghaften Empfindsamkeit, die großen Charme hatte. Voll von Widersprüchen, theatralisch, pathetisch, einfach und naiv, alles zugleich.
Der Mittelpunkt der Zusammenkünfte wurde Picassos Atelier, das Bateau-lavoir (Waschboot) in der rue Ravignan 13, das für die Freunde täglich offen war. Es war eine unbequeme hölzerne Bude… Von 1903 bis 1912 ein Heim, eine Zufluchtsstätte für Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Humoristen, Schauspieler, Wäscherinnen, Schneiderinnen und Hausierer.
Picasso hatte sich 1903 nach seiner Rückkehr von einer Reise nach Spanien dort niedergelassen. In diesem ärmlichen Milieu entsteht die moderne französische Malerei, und, so paradox es klingen mag, an ihrer Wiege stehen der Spanier Picasso und der Slawe mütterlicherseits Guillaume Apollinaire, der erste Deuter und spätere Theoretiker und Verteidiger dieser neuen Tendenzen, zu denen man auch den Fauvismus in den Bildern seiner typischen Vertreter und dem Werke von Apollinaires Freunden Derain und Vlaminck zählen muß. Vlaminck charakterisiert die Entstehung des Kubismus folgendermaßen:
Picasso war der Geburtshelfer, Apollinaire die Hebamme, Assistenten Derain, Max Jacob, Braque, Juan Gris und er selbst.
Diese jungen Maler entdecken auch die künstlerischen Werte der Negerplastik. Vlaminck und Derain finden im Juli 1904 in einem kleinen Bistro eine Figur von der Elfenbeinküste und zwei von Dahomey. Sofort kaufen sie sie dem Besitzer ab. Nach ihnen suchen andere Künstler neue Inspiration in dieser bisher unbeachteten Kunst der exotischen Naturvölker.
Bald gehören zu den Bewunderern und Sammlern von Neger- und ozeanischen Plastiken auch Picasso, Matisse und Apollinaire, der dies in den Versen der »Zone« festhält:
Du wandelst nach Auteuil willst zu Fuß nach Hause gehen
Zu schlafen bei deinen Idolen von Guinea und Ozeanien
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









